Kommunalpolitik hautnah: Ein Bürgermeister berichtet

Geschrieben von Malena Schulte-Spechtel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 27. April 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/04/kommunalpolitik-hautnah-ein-buergermeister-berichtet/>
Abgerufen am 6. März 2021 um 17:42 Uhr

Herr Richter, Sie arbeiten als Jugendpfleger im Landkreis Augsburg und seit Mai 2014 sind Sie nun Bürgermeister in Westendorf. Was war das erste, das Sie dachten, als Sie erfahren haben, dass Sie Bürgermeister werden?

Diese Frage ist schwieriger zu beantworten als es zunächst scheint. Am Tag der Kommunalwahl im März 2014 habe ich erfahren, dass ich seitens der Wählerschaft in das Amt des Bürgermeisters gewählt wurde. Dies war insofern keine Überraschung mehr, denn als einziger Kandidat für dieses Amt war zu diesem Zeitpunkt damit zu rechnen. Gefreut habe ich mich allerdings über das sehr deutliche Votum der Bürgerschaft.Ich persönlich war überrascht als ich im Januar letzten Jahres gefragt worden bin, ob ich es mir vorstellen könne als Bürgermeister zu kandidieren. Nach 15 jähriger Tätigkeit in der Jugendarbeit hat mich diese neue Herausforderung sehr gereizt.

Mit welchen Zielen, Visionen und Erwartungen haben Sie ihr neues Amt begonnen?

Für mich ist das Thema Partizipation das Leitmotiv meines Handelns. Bereits in der Jugendarbeit hat mich dieses Thema stets begleitet und ich habe auch erfahren dürfen wie es ist, wenn Entscheidungen getroffen und vollzogen werden die mit den betreffenden Adressaten im Vorfeld nicht erörtert wurden.
Aus diesen Erfahrungen heraus strebe ich an, so viel Beteiligung als möglich zu gewährleisten.

Wie war die Amtsübergabe? Gab es besondere Herausforderungen, wie z.B. Abgrenzung zum Vorgänger, Einarbeitung, den “eigenen Stil” finden und behaupten? Welche Unterstützung bekamen Sie dabei als neuer Bürgermeister?

Nachdem mit dem Amtswechsel auch dreiviertel der Mandatsträger im Gemeinderat ihre Tätigkeit aufgenommen haben, ging es weniger darum einen neuen Stil zu implementieren. Vielmehr herrscht noch immer eine Aufbruchsstimmung die die Zusammenarbeit aller Beteiligten erleichtert.
Die Altbürgermeisterin steht darüber hinaus als vertrauensvolle Ansprechpartnerin zur Verfügung und trägt somit ihren Teil dazu bei, die Amtsübergabe geräuschlos zu vollziehen.

Was sind Ihre Hauptaufgaben als Bürgermeister?

Persönlich bin ich nach wie vor der Überzeugung, dass mit der Position des Bürgermeisters auch die Verantwortung für eine zukunftweisende Entwicklung der Kommune einhergeht. Im Alltag eines ehrenamtlichen Bürgermeisters besteht allerdings die Gefahr, dass dies durch die Fülle der zu bewältigen Aufgaben aus dem Fokus des Handelns gerät. Hier stellen sich die Hauptaufgaben so dar, dass zwischen den Gemeinderatssitzungen dessen Beschlüsse umzusetzen sind und im Vorgriff auf die Sitzungen auch die Entscheidungsgrundlagen zu eruieren sind. Somit wird ein Großteil des zur Verfügung stehenden Zeitbudgets von Verwaltungstätigkeiten in Anspruch genommen.

Wie sieht der „typische“ Tages-/Wochenablauf eines nebenamtlichen Bürgermeisters aus?

Ehrlich gesagt ist es ein beständiges Ringen um allen Beteiligten gerecht werden zu können. Neben der Aufgabenfülle die in der Kommune zu bewältigen ist, steht man seinem Arbeitgeber gegenüber ebenso in der Pflicht. Last but not least fordert auch die Familie ihre Freiräume ein, die leider teilweise mit den Anforderungen des Amtes kollidieren.
Aktuell bin ich einen Tag in der Woche komplett im LRA, was mir den Spielraum verschafft relativ flexibel die restliche Woche zu gestalten. Schwerpunktmäßig sind unter der Woche eine Vielzahl von Terminen zu absolvieren und freitags und das Wochenende stehen für arbeiten zur Verfügung, die es erfordern sich länger mit einem Thema auseinanderzusetzen.

Welches sind die entscheidenden Unterschiede zu einem hauptamtlichen Bürgermeister?

Der offensichtlichste Unterschied zwischen einem nebenamtlichen und einem hauptamtlichen Bürgermeister ist natürlich, dass der Nebenamtliche nach wie vor seinen „alten“ Beruf ausübt.
Darüber hinaus kann in der Regel ein hauptamtlicher Bürgermeister auf eine eigene Verwaltung zurückgreifen, was die Aufbereitung der einzelnen Themen doch deutlich erleichtert.

Wichtige Entscheidungen in der Gemeinde werden vom Gemeinderat beschlossen. Inwieweit haben Sie, als Bürgermeister, die Möglichkeit Schwerpunkte in der Gemeindepolitik zu setzten? Und welche sind das?

Es ist tatsächlich so, dass die grobe Marschrichtung der zu bearbeitenden Themen bereits vom alten Gemeinderat auf den Weg gebracht worden sind. So beschäftigen wir uns aktuell mit dem Ausbau eines Gewerbegebietes und der Erschließung eines Neubaugebietes. Dennoch besteht die Möglichkeit neben den bestimmenden Themen eigene Akzente zu setzen. Mit der Einführung von Bürgerstammtischen zu verschiedenen Themen, der Wiederbelebung der Jugendversammlung und die thematische Ausgestaltung der Bürgerversammlungen werden Themen an die Gemeinde herangetragen, die so evtl. nicht auf der Tagesordnung stünden.
Demzufolge ist mir die Partizipation aller Bürgerinnen und Bürger ein wichtiges Anliegen.

Als Bürgermeister sind Sie ja Teil der Verwaltung und gleichzeitig Teil des Gemeinderats. Wie gelingt der Spagat zwischen den Interessen der Verwaltung und den Forderungen der Politik/BürgerInnen? Haben Sie besondere Strategien hierzu entwickelt?

Bei einer Kommune in unserer Größenordnung kann ich einen Spagat zwischen der Verwaltung und der Politik nicht erkennen. Somit bedarf es auch keiner gesonderten Strategien.

Sehen Sie Synergieffekte zwischen Ihrer nebenamtlichen Tätigkeit als Bürgermeister und ihrer Tätigkeit als Jugendpfleger im Jugendamt? Fällt es Ihnen beispielsweise leichter Anliegen im Bereich der Jugendarbeit/-pflege in der Gemeinde durchzusetzen, weil man Ihnen eine Expertise zuspricht?

Synergieeffekte habe ich bisher noch nicht erfahren. Interessanter ist die Wahrnehmung des Themas Kinder und Jugendarbeit in einer Gemeinde. Obwohl mir schon zu unterstellen ist, dass mir das Thema am Herzen liegt, ist es mir zeitlich nicht möglich mehr Potential in diesen Bereich zu investieren.
Diese Erkenntnis weckt Verständnis für mein berufliches Engagement als Kommunaler Jugendpfleger.

Wie bringen Sie eigentlich Ihre Halbtagsbeschäftigung beim Jugendamt im Landkreis Augsburg und in der Gemeinde Westendorf unter einen Hut?

Die Erfahrung nach einem halben Jahr im Amt hat gezeigt, dass es mir nicht möglich war allen Anforderungen gerecht zu werden. Deshalb habe ich mich vor allem zum Wohle der Familie entschieden, meine Dienstzeit im Amt für Jugend und Familie weiter zu reduzieren.

Für die Flexibilität meines Arbeitgebers muss ich mich bedanken, denn sonst wäre mir das Engagement in der Gemeinde Westendorf nicht möglich!

Vielen Dank für das Interview, Herr Richter.