Bayerische SchülerInnen überfordert durch zu viel politische Bildung!

Geschrieben von Julia Cammann (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. Mai 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/05/bayerische-schueler-ueberfordert-durch-zu-viel-politische-bildung/>
Abgerufen am 26. März 2019 um 06:12 Uhr

Die SPD fordert, den Sozialkundeunterricht an bayerischen Schulen aufzustocken. Ein legitimes Ansinnen wenn man bedenkt, dass der Sozialkundeunterricht an Gymnasien zum einen erst ab der Jahrgangsstufe 10 und dann auch nur mit einer Wochenstunde durchgeführt wird. Die politische Bildung wird in betreffenden Agenden hoch geschrieben, doch kommt sie im Unterricht viel zu kurz. Beispielsweise erhalten zwei Drittel der bayerischen Gymnasiasten nur ein Achtel der Sozialkundestunden nordrhein-westfälischer Gymnasiasten.

Obwohl politisch Gebildete für einen lebendigen, demokratischen Staat mit mündigen Bürger/-innen unabdingbar sind, trifft die Forderung auf Widerstand. Ausgerechnet das Kultusministerium will die „Kinder nicht überfordern“.

Ein interessanter Punkt. Der wahrscheinlich weitläufigen Bedeutung nach zu urteilen, tritt geistige Überforderung erst dann ein, wenn entweder ein Thema zu komplex ist, um es mit dem vorhandenen Wissen zu verstehen oder ein Thema die intellektuellen Fähigkeiten eines Individuums übersteigt. Nur um einmal zwei Beispiele zu nennen. Soll das dann heißen, dass die Schüler zu dumm sind, um mehr Sozialkunde kognitiv zu verarbeiten? Gegen Dummheit ist ja bekanntlich kein Kraut gewachsen. Doch bewegt man sich von dieser pessimistischen Grundhaltung den geistigen Fähigkeiten der bayerischen Gymnasiasten einmal weg, so kann man doch sagen, dass gegen Unwissenheit sehr wohl ein Kraut gewachsen ist, nämlich das Wissen. Hätten die Schüler also genügend politisches Wissen, könnten sie durch zu viel Sozialkundeunterricht auch nicht überfordert werden. Dies impliziert allerdings, dass nicht nur mehr Sozialkunde nötig ist, sondern viel früher mit der Wissensvermittlung angefangen werden muss. Dies dürfe sich jedoch nicht auf die reine Wissensvermittlung im Frontalunterricht beschränken, wie Ursula Münch, die Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing, bemerkt. Die Akademie arbeitet derzeit an Modellen, welche die Schulen motivieren sollen, das Ziel der politischen Mündigkeit stärker in den Fokus zu rücken. Eine Aufstockung der Unterrichtsstunden hält sie für eher unwahrscheinlich. Deshalb sieht sie das bayerische Unterrichtsprinzip als Chance, nachdem eigentlich ein Fach von anderen Fächer unterstützt wird. Um den didaktischen Anforderungen gerecht zu werden, arbeite die Akademie an Programmen, in denen die Lehrer anderer Fächer in der politischen Bildung weitergebildet werden können. Die Ansichten des Direktors der bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Harald Parigger, stimmen dahingehend mit Münchs Vorstellung überein, dass die Ausweitung des Schulfaches kaum durchsetzbar wäre und der Sozialkundeunterricht weg muss von reinem Frontalunterricht. Er geht sogar weiter und bezeichnet die Vorstellung, durch mehr Sozialkundeunterricht auch das politische Interesse der Jugendlichen zu stärken, als naiv. Viel mehr müsse z.B. die Ganztagesschule dazu genutzt werden, um Politik aktiv in den Schulalltag zu integrieren, wie beispielsweise durch Planspiele, Debatten, Simulationen oder ein Schülerparlament.

Auch der Politik- und Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger beklagt den Sozialkundeunterricht, wie er heute vermittelt wird, als viel zu gering dosiert und einschläfernd. Er beschränkt sich auf reine Institutionenlehre und vermittelt weder wie politisches Engagement funktioniert, noch wie wichtig dieses ist.

Sollte an Schulen tatsächlich mehr in die Vertiefung des politischen Wissens investiert werden, darf sich dies nicht nur auf Gymnasien beschränken, sondern muss Schülern aller Schulformen zugute kommen. Ansonsten würde die drei Klassen Gesellschaft mit einer weiteren schmerzhaften Kerbe vertieft werden, was zu weiteren kontroversen Diskussionen führen dürfte.

Anstatt das Interesse der Jugendlichen für eine lebendige Politik zu wecken, entfremdet der Unterricht die Schüler. Und das, obwohl politische Entscheidungen und Vorgaben unser aller Leben, das Leben der Gesellschaft, maßgeblich regeln. Eigentlich wäre die Schule der ideale Ort, um den Schülern zu vermitteln, dass Politik kein fremdartiges Wesen ist, das höchstens das Nachmittagsfernsehprogramm vom Abendprogramm trennt, sondern direkt das Leben jedes Einzelnen mehr oder weniger bestimmt. Ob ein Land in Frieden lebt oder von Unruhen geplagt wird, hängt wesentlich von politischen Entscheidungen und der Regierungsform ab. (Leider sehen manche den Zustand, wie er in Deutschland derzeit herrscht, als allzu selbstverständlich an und sehen auf Krisenherde mehr oder weniger herab.) Ob allerdings aktuelle Krisen im Unterricht thematisiert und kontrovers diskutiert werden, hängt maßgeblich vom persönlichen Engagement des Lehrers ab. Deshalb sollte es auf die Agenda jeder Schule verpflichtend geschrieben werden, nicht nur die politische Bildung als wichtig zu bezeichnen, sondern diese aktiv in das Schulleben zu integrieren. Schließlich lebt die Demokratie von der Beteiligung mündiger Bürger und sollte nicht durch breitgefächertes mangelndes Wissen Rattenfängern wie z.B. Pegida zum Fraß vorgeworfen werden.

Noch ein Schwenk aus der Jugend eines Freundes: 12. Klasse FOS (Fachoberschule). Er wollte sein Fachreferat in Sozialkunde über das stark diskutierte Thema „Tibet und seine Oppression durch die chinesische Volksrepublik“ halten. Das Thema wurde abgelehnt. Warum? Laut seiner Lehrerin seien solche Themen zu kontrovers und im Lehrstuhl nicht gern gesehen. Also hielt er sein Fachreferat in Betriebswirtschaft über das Thema „Marketing und Distributionsmix“. Dies ist eine von vielen Geschichten, wie ein einst ambitionierter Schüler jegliches Interesse an politischen Zusammenhängen verlor und sich voll und ganz dem Kapitalismus verschrieb.