Was ist Barrierefreiheit?

Geschrieben von Nico Wunderle (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. Mai 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/05/was-ist-barrierefreiheit/>
Abgerufen am 17. August 2018 um 11:30 Uhr

Am Wochenende fahre ich auf das Rockavaria-Festival. Wir werden mit den Öffentlichen Verkehrsmittel hinfahren. Eigentlich ganz einfach, in Pöcking in die S-Bahn  einsteigen, am Marienplatz umsteigen und schon sind wir da. Doch leider ist das nicht so einfach, wie es scheint. Am Gleis Richtung Ostbahnhof ist der Aufzug in eine Baustelle eingebaut, sodass ich als Rollstuhlfahrer nicht in die U-Bahn umsteigen kann. Das heißt für mich: Mit der S-Bahn  zum Rosenheimer Platz fahren, umsteigen, zurückfahren zum Marienplatz, den Aufzug  zur U-Bahn nehmen und in die U-Bahn einsteigen. Als Rollstuhlfahrer muss man oft Umwege in Kauf nehmen und es empfiehlt sich, viel Zeit zu haben. Hinsichtlich Barrierefreiheit ist in  Deutschland  – wie auch in den meisten anderen Ländern der Welt – noch  viel Luft nach oben.

Dass  das Vorhandensein von funktionierenden (!!) Aufzügen zur Barrierefreiheit gehört, weiß jeder. Spricht man aber im Alltag  von Barrierefreiheit, so  neigen wir dazu, immer nur an Rollstuhlfahrer zu denken.  Dass der Begriff der Barrierefreiheit viel mehr umfasst, bedenken leider nicht alle. Deswegen möchte ich auf die unterschiedlichen Beeinträchtigungen und die damit verbundenen Bedürfnisse eingehen.

Zunächst einmal möchte ich allerdings erst Barrierefreiheit nach §4 Behindertengleichstellungsgesetz definieren:

Im BGG heißt es:
§4 Barrierefreiheit
Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.

Barrierefreiheit heißt für Rollstuhlfahrer:

  • funktionierende Aufzüge, die nicht zu eng sind (und idealerweise nicht nach Urin stinken ;-))
  • geräumige Toiletten und viel Platz
  • höhenverstellbare  oder nicht zu  hoch hängende Spiegel im Badezimmer
  • keine schmalen Türen
  • keine Stufen, aber auch keine steilen Rampen
  • abgesenkte Bordsteinkanten und keine Unebenheiten

Hier (http://www NULL.buzzfeed NULL.com/sebastianfiebrig/ein-bisschen-barrierefrei# NULL.mfJEVz9q1) ein paar Beispiele für gut gemeinte, aber miserabel umgesetzte Maßnahmen, um Barrierefreiheit durchzusetzen.

Leider ist es nicht mit ein paar Rampen getan. Besonders schwierig ist es beim Umbau von Bahnhöfen, denn S-Bahnen benötigen höhere Bahnsteige als Regionalbahnen.

Übrigens schreibt §8 des Behindertengleichstellungsgesetz vor, dass  Neu-, Um- und Erweiterungsbauten öffentlicher Gebäude nach den anerkannten Regeln der Technik barrierefrei gebaut werden sollen. Aus diesem Grund ist absehbar, dass dieser Prozess noch einige Zeit dauern wird, bis wir eine baulich barrierefreie Umwelt vorfinden.

Im Gegensatz zu den Rollstuhlfahrern haben blinde Menschen ganz andere Anforderungen.

Vorneweg: Bei Menschen mit Sinnesbehinderung gilt nach Din 18040-1 das Zwei-Sinne-Prinzip, wonach Informationen mit zwei Sinnen wahrnehmbar sein müssen (Sehen, Hören und Tasten).

Barrierefreiheit für blinde Menschen:

  • Bordsteine -> sonst würden sie es  nicht merken, wenn  sie auf der Straße stehen
    deutliche Absperrungen z.B. bei Baustellen
  • ausgebautes, funktionsfähiges Blindenleitsystem -> das sind die Rillen am Boden, die blinden Menschen zur Orientierung und zur Erkundung mit dem Blindenstock dienen.
  • Brailleschrift, die Blinden durch den Tastsinn das Lesen mit den Fingern ermöglicht barrierefreie Webseiten unter Verwendung  der Braille-Zeile und Vorleseprogrammen (Genauere Erklärung folgt unten)

Blindsein erfordert Ordnung und Aufmerksamkeit, um in der Welt mit den für uns Sehenden leicht erkennbaren Hindernissen des Alltags zurechtzukommen. Besondere Schwierigkeiten bestehen zum Beispiel in der Findung von Informationen.

Barrierefreiheit für Hörbehinderte:

  • Cochlea-Implantat (CI) und Hörgeräte (s. unten)
  • induktives Hören mit Induktionsschleifen  im Boden -> damit werden Audiosignale direkt auf Hörgeräte übertragen
  • deutsche Gebärdensprache (seit 2002 offiziell anerkannt)
  • Anrecht  auf Gebärdendolmetscher nach §19 Absatz 1 , Satz 2 SGB X

Ergänzende Informationen:

Was macht eine Website barrierefrei?

Leider gibt es noch relativ wenige barrierefreien Websiten. Um als barrierefreie Homepage zu gelten, muss sie einige Kriterien erfüllen:

Der Struktur einer Webseite kommt eine zentrale Bedeutung zu. Identität und Auftrag der Internetseite müssen stets klar ersichtlich sein, so dass dem Nutzer klar ist, auf welcher Website er sich befindet und wozu diese dient. Die Struktur muss transparent, Inhalte mit wenigen Klicks erreichbar und der aktuelle Standort innerhalb der Website erkennbar sein. Über einen hierarchischen Aufbau sind Inhalte, Leistungsmerkmale und Organisation der einzelnen Webseiten in Zusammenhang zu bringen. Wichtig ist ebenfalls eine webgerechte Aufbereitung der anzubietenden Inhalte, eine lesefreundliche Formulierung und das Hervorheben von Schlüsselwörtern. Wichtig ist dabei die Funktionsfähigkeit der sogenannten Braille-Zeile, einem Gerät, das geschriebene Sprache in mit den Fingern wahrnehmbare Zeichen umwandelt. Leider sind viele Seiten noch nicht so programmiert, dass alle Texte für blinde Menschen lesbar sind. Außerdem ist eine Vorlesefunktion für blinde Menschen ein bewährtes Hilfsmittel. Für Menschen mit Sehbehinderung bieten einige Homepages die Inhalte in unterschiedlichen Schriftgrößen an.

Für Menschen mit Lernschwierigkeiten, wie sich Menschen mit geistiger Behinderung selbst nennen, ist eine Version der Website in einfacher Sprache ein notwendiges Hilfsmittel, das zur Inklusion beiträgt. Menschen mit Hörbehinderung  können – wenn auch leider sehr wenige – Homepages mit Hilfe von Videos in Gebärdensprache “lesen”.

Nun folgt nochmal eine kurze Zusammenfassung:

Checkliste für barrierefreie Homepages:

  • klare Struktur -> Auftrag der Seite muss ersichtlich sein
  • mit wenigen Klicks erreichbar
  • leserfreundliche Formulierung
  • Hervorhebung von Schlüsselbegriffen
  • Lesbarkeit der Texte mit Hilfe der Braille-Zeile (für blinde Menschen)
  • Vorlesefunktion (für blinde Menschen)
  • Inhalte in unterschiedlichen Schriftgrößen verfügbar (für Menschen mit Sehbehinderung und Senioren)
  • Texte in leichter Sprache (für Menschen mit geistiger Behinderung)
  • Videos in Gebärdensprache (für Menschen mit Hörbehinderung)

Ein Beispiel für eine barrierefreie Webseite finden Sie hier (http://www NULL.sozialnetz NULL.de/ca/b/e/).

Was ist ein Cochlea-Implantat?
“Jedes Hörgerät – egal ob vollimplantierbar, teilimplantierbar oder am Ohr getragen – ist eine Hörhilfe, die das Ohr in seiner Funktion unterstützt, indem es den Schall verstärkt an das Innenohr weiterleitet. Zum Hören wird jedoch weiterhin das Innenohr benötigt, welches also in seiner Funktion zwar eingeschränkt, aber nicht ausgefallen sein darf.
Im Gegensatz dazu reizt das CI unter Umgehung des Ohres direkt den Hörnerven. Es ist somit ein Ersatz für ein nicht mehr ausreichend funktionierendes Hörorgan, d.h. es ist eine Hörprothese.” (Quelle: CI-Zentrum Ruhrgebiet (http://www NULL.ci-zentrum-ruhrgebiet NULL.de/faq NULL.php))

Persönliche Schlussbemerkung:
Die Verwirklichung von Barrierefreiheit ist nicht einfach, da die unterschiedlichen Beeinträchtigungen, unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen an die Barrierefreiheit haben, die teilweise sogar gegensätzlich sind. Wir können uns nur aktiv für die Verbesserung der Barrierefreiheit einsetzen und müssen Kompromisse eingehen, damit wir allen Menschen mit verschiedenen Behinderungen entgegenkommen.

Aber eines steht fest:
Solange wir immer noch, ohne stutzig zu werden, Sätze wie “Sag Bescheid, wenn du nichts hörst!” zu Menschen mit Hörbehinderung sagen und sie anschreien, damit sie uns besser verstehen, können wir mit Sicherheit sagen, dass die größten Barrieren unserer Gesellschaft in unseren Köpfen sind.