Der neoliberale Institutionalismus – Wie Kooperation entstehen kann

Geschrieben von Thomas Kneuer (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 28. Juni 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/06/der-neoliberale-institutionalismus-wie-kooperation-entstehen-kann/>
Abgerufen am 27. Mai 2019 um 00:26 Uhr

Robert Keohane. By Chatham House [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Nach dem Neorealismus (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2015/01/der-neo-realismus-als-klassische-theorie-der-internationalen-beziehungen/) wollen wir Ihnen nun eine weitere Theorie zu internationalen Beziehungen vorstellen: Der neoliberale Institutionalismus.

Grundannahmen der Theorie
Als Begründer und bedeutendster Vertreter des neoliberalen Institutionalismus, der auch als Neoinstitutionalismus bekannt ist, zählt Robert Keohane. Entgegen der Lehre des Neorealismus, dass unter den Staaten keinerlei Zusammenarbeit und wenn dann nur zeitlich bedingt stattfinden kann, vertritt der neoliberale Institutionalismus (im folgenden NI) die Meinung, dass staatliche Kooperationen sehr wohl möglich ist und auch andauern kann.

Dabei verwirft der NI die Grundlagen des Neorealismus nicht:

  • Im internationalen System herrscht Anarchie, es fehlt eine (Welt-)Regierung über den einzelnen Regierungen.
  • Die Staaten sind die wichtigsten Akteure.
  • Alle staatlichen Handlungen sind stets von egoistischen Bestrebungen geprägt; alle Entscheidungen werden stets aus rationalen Gründen getroffen.
  • Primäres Ziel ist die Sicherung des staatlichen Überlebens.

Jedoch spricht der NI den Staaten die Fähigkeit zu, sich zusammenzuschließen, wenn Kooperation vorteilhafter und kostengünstiger ist. D.h. nicht, dass das anarchische Element im internationalen System aufgehoben wird, die Option der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit wird aber deutlich positiver bewertet. In einem von Anarchie bestimmten internationalen System kann zwar weiterhin Kooperation nur dann entstehen, wenn Staaten signifikante gemeinsame Interessen besitzen. Da aber die Interdependenz unter den einzelnen Staaten auf fast allen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Feldern zunimmt, kann zwischenstaatliche Zusammenarbeit entstehen, weil gemeinsame Interessen verfolgt werden und diese leichter und kostengünstiger durch Kooperation erreicht werden.

Die Bedeutung von Gewinnen
Die 'gains' spielen bei der Kooperation unter Staaten eine wichtige Rolle (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/wp-content/uploads/2015/06/NI NULL.png)
Dabei spielen die gains (Gewinne), die bei staatlicher Zusammenarbeit entstehen eine wichtige Rolle. Laut dem Neorealismus wird jeder Staat nur dann kooperieren, wenn sein Gewinn größer ist als der des anderen Staates (gelbe Linie). Eine Zusammenarbeit ist daher fast ausgeschlossen. Anhänger des NI wenden hingegen ein, dass Staaten nicht immer zwingend versuchen werden, einen absoluten Gewinn erreichen wollen, der also höher ist als der der Kooperationspartner. Schon allein die Möglichkeit, dass überhaupt ein Gewinn erzielt werden kann, reicht als Motivation für Zusammenarbeit aus. Argumente dafür wären, dass multilaterales Handeln gewinnreicher ist als unilaterales Handeln. Außerdem kann durch weitere Kooperation der Fall eintreten, dass ein Staat, dessen Gewinn beim ersten Mal der blauen Linie entsprach, beim nächsten Mal dem Gewinn auf der gelben Linie entsprechen kann. Man ist also bereit bei einem Durchgang weniger zu gewinnen als der Kooperationspartner, da man bei einer weiteren Zusammenarbeit eben auch mehr gewinnen kann.
Solche Überlegungen nehmen dann an Bedeutung zu, wenn die Zahl der teilnehmenden Staaten steigt; sie sind vor allem aber bei Sicherheitsfragen von entscheidender Bedeutung: Es kann sinnvoller und vorteilhafter sein, sich zusammenzuschließen und zusammenzuarbeiten, auch wenn der Gewinn kleiner ist als bei den anderen Staaten. Denn solange sich ein Gewinn ergibt, sind die Staaten bereit auch einen relativen Verlust hinzunehmen, wenn durch unilaterales Handeln überhaupt kein Gewinn anfallen würde.

Die Bildung von Institutionen
Gelingt die Zusammenarbeit und entwickelt sich daraus auch Stabilität kann durch kontinuierliche Kooperation unter den Staaten auch Vertrauen aufgebaut werden. Durch das Vertrauen in die Kooperation können sich daraus sogar Institutionen bilden. Institutionen können Informationen anbieten, Transaktionskosten senken, Vereinbarungen glaubwürdiger machen, die wichtigsten Punkte zur Koordination entwickeln und gegenseitige Abkommen erleichtern. Vertreter des NI machen außerdem darauf aufmerksam, dass Institutionen insbesondere bei Sicherheitsfragen Anreize für gemeinsames Handeln setzen können. Durch Institutionen können die durch Kooperation erzielten Gewinne unter den Staaten einfacher verteilt werden, indem kooperative Staaten belohnt bzw. nicht kooperative sanktioniert werden. Institutionen besitzen außerdem einen Einfluss auf das Verhalten der Staaten, da sie ein Umdenken der Staaten durch das Setzen von Regeln und Richtlinien ermöglichen.
Auch auf die Frage, warum Institutionen weitergeführt werden, obwohl ihre Existenz nicht mehr nötig ist bzw. ihr Hauptziel erreicht wurde, versucht der NI zu erklären. Dabei verweist er auf die Theorie der „sunk costs“: Die Fortsetzung einer bereits bestehenden Institution erweist sich meist als kostengünstiger als die Gründung einer neuen. Immens hohe Kosten würden allein bei der Ausarbeitung neuer Regeln und Vorschriften aufkommen, wenn man sich auf einem gemeinsamen Nenner einigen müsste. Das bedeutet, dass es sinnvoller ist, Institutionen fortzuführen und sie den veränderten Umständen anzupassen, anstatt neue Institutionen ins Leben zu rufen.
Ein geeignetes Beispiel hierfür wäre die NATO. Während der Neorealismus betont, dass nach dem Ende des Kalten Krieges das Bestehen der NATO hätte beendet werden müssen, bietet der NI bessere Antworten auf die Frage, warum die NATO weiterhin besteht.
Für die Vertreter des NI sind trotz des Fehlens der sowjetischen Bedrohung die Staaten weiterhin auf die Funktionen der NATO – kollektive Verteidigung und Sicherheit sowie Konsultation und Beratung – angewiesen. Auch wenn eine direkte und konkrete Aggression nach dem Ende des Kalten Krieges fehlt, sind die Staaten aufgrund der Neuverteilung der Macht und der Gefahr von humanitären Krisen oder ethnischen Konflikten in einer schwierigen Sicherheitslage. Dabei können sicherheitspolitische Institutionen oder militärische Allianzen ein geeignetes Mittel sein, die Sicherheit eines Staates zu schützen, indem alle Beteiligten ihre Sicherheits- und Außenpolitik zum größten Teil auf eine kollektive Sicherheitsgemeinschaft übertragen. Institutionen wie die NATO reduzieren die Unsicherheit unter den Staaten, indem sie gegenseitige Informationen bereitstellen und Vertrauen unter den Mitgliedsstaaten ermöglichen. Die Kosten, die durch die Institution entstehen, sollen dabei durch die Gewinne, die aus der Kooperation entstehen, ausgeglichen werden.