“Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft?”

Geschrieben von Malena Schulte-Spechtel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 29. Juli 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/07/auf-dem-weg-zu-einer-inklusiven-gesellschaft/>
Abgerufen am 26. August 2019 um 12:44 Uhr

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Kooperationsprojekt zur Sensibilisierung und Erfassung von Arbeitsmarktchancen von Menschen mit Behinderung im Landkreis Weilheim-Schongau

Im Rahmen unserer Reihe zum Thema Inklusion haben wir schon über Barrierefreiheit (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2015/05/was-ist-barrierefreiheit/)und über die persönliche Erfahrungen unseres Autors Nico unterwegs mit dem Rollstuhl (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2015/02/ey-bist-du-behindert-wahre-begebenheiten-aus-dem-leben-eines-rollstuhlfahrers/) berichtet. Inklusion bezieht sich aber auf alle gesellschaftlichen Bereiche, auch auf die Erwerbstätigkeit und damit den Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt. Um dies zu fördern gibt es gesetzliche Regelungen. Z.B. die Pflicht eines/r ArbeitgeberIn ab zwanzig Angestellten mindestens 5% der Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung zu vergeben oder anderenfalls eine Ausgleichsabgabe zu zahlen. Dies gilt für Menschen ab einem Grad der Behinderung (GdB) von 50 und diesen gleichgestellten ab einem GdB von 30. Die beschriebene Personengruppe genießt auch einen besonderen Kündigungsschutz. Zudem gibt es weitere Maßnahmen um die Anstellung von Menschen mit Behinderung zu fördern.

Florian Eichinger hat sich im Rahmen seiner Bachelorarbeit “Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft?” mit der Arbeitssituation von Menschen mit Behinderung im Landkreis Weilheim-Schongau beschäftigt (1). Im Folgenden wollen wir Ihnen die Ergebnisse der Erhebung kurz darstellen.

Ziel der empirischen Untersuchung war es, die Beschäftigungschancen von Menschen mit Behinderung im Landkreis Weilheim-Schongau zu erfassen und potentielle ArbeitgeberInnen zu sensibilisieren. Dazu wurde ein umfassender Fragebogen erarbeitet und an alle Unternehmen mit mehr als 19 sozialversicherungspflichtigen MitarbeiterInnen im Landkreis Weilheim-Schongau geschickt. Insgesamt wurden 322 Fragebögen versendet, von denen 94 zurückkamen und 93 ausgewertet werden konnten.
Grundlegende Vorannahme war dabei, dass die größten Hemmnisse und zugleich Potentiale, darin liegen, ob und welche Information die (potentiellen) ArbeitgeberInnen über unterstützende Leistungen von öffentlichen Stellen und Verbänden bekommen. Dazu wurden zwei Seiten betrachtet: die Seite der Unternehmen und die Seite der Organisationen, die die berufliche Inklusion von Menschen mit Behinderung fördern wollen.

Informationen für ArbeitgeberInnen
Die Unternehmen im Landkreis kennen im Allgemeinen viele Leistungen und Unterstützungsangebote. Dabei gaben die ArbeitgeberInnen in der Erhebung an, am meisten an Information über eine dauerhafte (Prozess-)Begleitung vor Ort, über spezifisch zugeschnittene Beratung und über konkrete Hilfen (z.B. finanzielle Förderung) interessiert zu sein.
Mehr als zwei Drittel der Arbeitgeberinnen fühlten sich ausreichend informiert und gaben an zu wissen, wo sie Information bekommen und Hilfestellungen beantragen könnten. Dabei gilt zu beachten, dass die Mehrzahl der ArbeitgeberInnen, die sich keine weiteren Informationen wünschten (80%) und die Angaben zu wissen, wo sie Information bekommen (70%) schon Menschen mit Behinderung beschäftigen.

Somit empfiehlt es sich für Organisationen, die Menschen mit Behinderung in den allgemeinen Arbeitsmarkt vermitteln wollen, gezielt die Unternehmen anzusprechen, die noch keine Menschen mit Behinderung beschäftigen. Denn es ist davon auszugehen, dass nicht bzw. schlecht informierte Betriebe, die keine Menschen mit Behinderung beschäftigen, aufgrund mangelnder Erfahrungen eher Vorurteile und Hemmungen haben behinderten Menschen einen Arbeitsplatz zu geben.
Organisationen, die Menschen mit Behinderung in den allgemeinen Arbeitsmarkt vermitteln wollen, wie z.B. die Agentur für Arbeit oder der Integrationsfachdienst, nehmen hierfür Kontakt mit potentiellen ArbeitgeberInnen auf. In der Erhebung wurde deutlich, dass über ein Drittel der Befragten (ca. 38%) bisher noch nicht von einer solchen Stelle angesprochen wurde. Dabei ist die Gruppe der Unternehmen, die noch nicht angesprochen wurden und die sich mehr Information wünschen besonders interessant (etwa ein Drittel der noch nicht angesprochenen).

(Vor-)einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung
Der Fragebogen enthielt auch Fragen zu Einstellungen der ArbeitgeberInnen über Menschen mit Behinderung, insbesondere im Hinblick auf ein potentielles Beschäftigungsverhältnis.
Das größte Hemmnis Menschen mit Behinderung einzustellen stellte danach die Art der auszuführende Tätigkeit dar (b).

abb.14 (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/wp-content/uploads/2015/07/abb NULL.14 NULL.jpg)
a) räumliche Voraussetzungen b) Art der Tätigkeit c) Bedenken wegen „Minderleistung“ d) Kündigungsschutz e) Zusatzurlaub f) Einrichten einer Schwerbehindertenvertretung g) hohe körperliche Anforderungen h) Flexibilität i) evtl. vermehrte Krankheitsausfälle j) Komplikationen mit der Belegschaft (Akzeptanz)

30% der Gruppe von ArbeitgeberInnen, die diesem Hemmnis voll, ganz bzw. eher zustimmen, gaben auch an, nicht zu wissen, dass MitarbeiterInnen in Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) Tätigkeiten ausführen wie das Bedienen und Bestücken von unterschiedlichsten Maschinen (bis hin zu hochmodernen CNC-Geräten). Dies kann darauf hindeuten, dass viele Unternehmen die Potentiale von Menschen mit Behinderung nicht bzw. nicht genau einschätzen können. Dadurch wird auch nachvollziehbar, dass etwa 78% der Befragten nicht mit WfbMs zusammenarbeiten. Daraus wiederum kann ein Arbeitsauftrag für die Organisationen der Behindertenförderungen ersichtlich werden: potentielle ArbeitgeberInnen besser über Menschen mit Behinderungen und deren Leistungsfähigkeit zu informieren.

Wie wirken sich die strukturellen bzw. gesetzlichen Voraussetzungen aus?
Ein großes Hemmnis bei der Einstellung von Menschen mit Behinderung (MmB) scheint der gesetzliche Kündigungsschutz zu sein (34% der Arbeitgeber die MmB beschäftigen und 55% der Arbeitgeber, die keine beschäftigen, stimmen dem zu, dass der Kündigungsschutz ein hauptsächliches Hemmnis ist). Dahingehend sind andere Maßnahmen wie Lohnkostenzuschüsse oder eine Erhöhung der Ausgleichsabgabe laut der ArbeitgeberInnen keine geeignete Stellschrauben um die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen zu fördern. Die ArbeitgeberInnen würden eine konkrete und spezifische Beratung sowie ein übersichtliches und zentrales Informationsangebot vielmehr bevorzugen.
Insgesamt konnte in der Untersuchung festgestellt werden, dass im Landkreis Weilheim-Schongau das Interesse und Potential da ist die berufliche Inklusion von Menschen mit Behinderung voranzutreiben. Durch die Erhebung konnte zum einen Daten zur aktuellen Beschäftigungssituation von Menschen mit Behinderung gewonnen und Hemmnisse, die eine Beschäftigung erschweren, sichtbar werden. Ebenso wurde deutlich, welche Informations- und Sensibilisierungsmöglichkeiten genutzt werden können, um diesen Hindernissen entgegenzuwirken.

 

(1)Die Bachelorarbeit entstand im Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis „Integration und Arbeit“ des Landkreises Weilheim-Schongau.