Bezahlt für’s Menschsein?!

Geschrieben von Malena Schulte-Spechtel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 29. August 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/08/bezahlt-fuers-menschsein/>
Abgerufen am 27. Mai 2019 um 00:26 Uhr

Keine Armut mehr, keine daraus resultierende soziale Ausgrenzung und genug Geld um seine Existenz zu sichern, einfach nur, weil man Mensch ist.  Keinem schlecht bezahlten und auszehrenden Job nachgehen müssen und die Möglichkeit haben sich im Bereich der eigenen Interessen und Fähigkeiten für die Gesellschaft einzusetzen oder auch nicht, ohne dafür abgestempelt zu werden. Und das alles Dank einem bedingungslosen Grundeinkommen. Klingt das nicht toll? Gerecht? Unfair? Fantastisch? Utopisch? Surreal?

Im ersten Moment wird sich wohl jeder und jede denken: „Ja, das wäre toll! Was man da alles machen könnte…” Mehr Freiheit und Gerechtigkeit, Inklusion auf einer ganz neuen Ebene, das soziale Miteinander würde in den Vordergrund treten. Endlich Mensch sein und nicht mehr Arbeitstier.

Doch dann kommt das große ABER: Wie könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen finanziert werden? Wer würde dann noch arbeiten gehen? Wie würde sich das auf die Wirtschaft auswirken, wie auf die Gesellschaft? Kurz, das kann doch gar nicht funktionieren.

Doch es gibt Leute, die glauben, dass es funktionieren könnte. Dazu gibt es verschiedene Entwürfe und Vorstellungen zu einem bedingungslosen Grundeinkommen (hier eine Übersicht zu verschiedenen Modellen (https://www NULL.grundeinkommen NULL.de/content/uploads/2012/08/12-06-modelle-tabelle NULL.pdf) in Deutschland und ausführlichere Erläuterungen (https://www NULL.grundeinkommen NULL.de/content/uploads/2013/01/2012-ansaetze_und_modelle_gs_und_ge_blaschke NULL.pdf)).
Fest steht jedoch, dass „bedingungslos“ bedeutet, dass jeder Mensch OHNE Bedingungen gleich viel bekommt – egal ob reich oder arm. Somit ist ein solches Grundeinkommen, auch Bürgergeld genannt, nicht an Erwerbsarbeit oder soziales Engagement gekoppelt. Es ist universell und individuell, steht also jedem/ jeder zu, der/die auf Dauer in einem gewissen Land lebt und wird ohne Bedarfsprüfung jeder Person ausgezahlt. Damit die Idee eines Grundeinkommens nicht obsolet wird, muss der Betrag so hoch sein, dass es zur Existenzsicherung reicht, das heißt, materielle, kulturelle und soziale Partizipation muss möglich sein.

Durch ein bedingungsloses Grundeinkommen sollen also Arbeit und Einkommen voneinander gelöst werden. Dies bedeutet aber nicht, dass es keine bezahlte Arbeit mehr gibt. Doch so würden auch andere Tätigkeiten wie Ehrenamt und Familienarbeit einen höheren Stellenwert erhalten, Unternehmensgründung und (Weiter-)Bildung erleichtert sowie zum Teil durch finanzielles Abgesichertsein erst ermöglicht werden.

Neben den verschiedensten Modellen zum bedingungslosen Grundeinkommen gibt es auch Entwürfe zu einem Grundeinkommen, das an Bedingungen gekoppelt ist.

Einer der umstrittensten Punkte in der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen ist die Finanzierbarkeit. Die einen sagen, es sei finanzierbar (http://www NULL.hwwi NULL.org/fileadmin/hwwi/Leistungen/Gutachten/Grundeinkommen-Studie NULL.pdf), die anderen behaupten das Gegenteil (http://www1 NULL.vwa NULL.unisg NULL.ch/RePEc/usg/econwp/EWP-1313 NULL.pdf). Dabei wird viel mit Zahlen jongliert, kalkuliert und spekuliert, denn eines lässt sich nicht berechnen: der Faktor Mensch.
Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde nicht nur eine Umstrukturierung in der Wirtschaft, sondern auch in der Gesellschaft zur Folge haben. Es würde ein grundsätzliches Umdenken unter den Menschen bezüglich ihres Lebens erfordern. Erwerbsarbeit nimmt momentan einen sehr hohen Stellenwert nicht nur in Deutschland ein. Was würde an ihre Stelle treten? Worüber würden soziale Positionen, sozialer Status bestimmt werden? Wären wir Menschen überhaupt in der Lage unsere neu gewonnene Freiheit zu nutzen? Oder wären wir damit restlos überfordert, weil wir unser Leben lang zugeflüstert bekommen haben, dass alles von einem „gescheiten“ Beruf abhängt und dass wir Konkurrenzkampf, Druck und materielle Anreize brauchen, um einer Arbeit nachzugehen und jeder/jede, der/die das nicht tut faul ist? Dies geht soweit, dass wir uns fragen müssen: Was ist das Wesen des Menschen? Ist er grundsätzlich motiviert zu arbeiten und sich in die Gesellschaft einzubringen oder ist er faul und braucht äußere (materielle) Anreize dafür?

Diese Fragen werden sich wohl nie abschließend beantworten lassen. Doch gab es einige Pilotprojekte (z.B. in Namibia, Brasilien und Kanada), die vielleicht einen kleinen Einblick gewähren können, wie sich ein Experiment „bedingungsloses Grundeinkommen“ entwickeln könnte. Insofern ist auch interessant, wie sich das Vorhaben der Volksinitiative (http://bedingungslos NULL.ch/) zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommen in der Schweiz entwickeln wird. Im Herbst 2016 soll es darüber eine Volksabstimmung geben.