Soziale Arbeit – (k)ein Ort für Menschenrechte

Geschrieben von Nico Wunderle (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 29. August 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/08/soziale-arbeit-kein-ort-fuer-menschenrechte/>
Abgerufen am 22. Juni 2018 um 10:58 Uhr

In der Zeit von 1949 bis 1975 lebten etwa 700.000 bis 800.000 Kinder und Jugendliche in Säuglings-, Kinder- und Jugendheimen in der Bundesrepublik Deutschland. Der Heimaufenthalt vieler ehemaliger Heimkinder war oft von traumatisierenden Lebens- und Erziehungsverhältnissen geprägt.
Das griechische Wort Trauma  bedeutet Wunde. “Zeit heilt alle Wunden”, sagt man im Volksmund.  Oftmals mag der Volksmund mit dieser Redewendung recht haben, allerdings geht dieses Sprichwort nicht tief genug und  lässt sich hier nicht anwenden. Jedem Einzelnen der rund 800.000 Kinder und Jugendlichen, die im Heim aufwachsen mussten, ist ein schreckliches  Schicksal widerfahren.
Schmerzen, Ängste und Misshandlungen standen nach dem Ende des zweiten Weltkrieg bis Mitte der 1970er-Jahre an der Tagesordnung.  Nicht selten reichen die Konsequenzen, mit denen betroffene Frauen und Männer, die ihre Kindheit im Heim verbrachten, zurecht kommen müssen, noch bis in die Gegenwart. Sie leiden an Depressionen und Angstzuständen. Damit sie mit den Nachwirkungen einer solchen Kindheit und Jugend leben können, müssen diese Erlebnisse aufgearbeitet werden. Dies geschieht erst seit wenigen Jahren. Früher war es normal, nicht über Probleme und Sorgen  zu sprechen, so sie mit dem Mantel des Schweigens zu überdecken. Um die Verarbeitung der grausamen Erlebnisse, – sofern das überhaupt möglich ist -, voranzutreiben, veranstalteten Experten aus der Fachrichtung Heimerziehung zusammen mit der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und Benediktbeuern und der Herzogsägmühle eine Fachtagung mit dem Titel “Soziale Arbeit – (K)ein Ort für Menschenrechte”. Diese fand von 06.05. –  08.05. 2015 statt und bot ein sehr interessantes Programm, das von einer Ausstellung, Fachvorträgen und Workshops, die zum Beispiel den Austausch mit Zeitzeugen ermöglichten, reichte.

Es folgt nun ein kurzer Einblick in den Tagesablauf der drei Veranstaltungstage:

Die Fachtagung begann mit der Eröffnung einer Ausstellung zu Ehren des 120. Jubiläums der Herzogsägmühle zum Thema “Im Abseits oder mittendrin? -120 Jahre Herzogsägmühle”. Am 07. Mai gastierte die Fachtagung  auf dem Gelände der Herzogsägmühle, welche während des zweiten Weltkrieges als Arbeiterkolonie für Gefangene verwendet  wurde.

Vor diesem Hintergrund ist das bei der Tagung behandelte Thema für die Herzogsägmühle besonders wichtig, weil es stets im Zusammenhang mit der eigenen Geschichte der Einrichtung steht. Über die Stationen der Aufarbeitung und deren Konsequenzen sprach Willfried Knorr, der Direktor der Herzogsägmühle. Anschließend verglich Uwe Kaminsky von der Universität Bochum die Heimerziehung von West- und Ostdeutschland in der Nachkriegszeit bis 1975. Sascha Plangger konzentrierte sich auf den Bereich der Behindertenhilfe und stellte exemplarisch die Situation in Tirol dar.  Außerdem referierte Susanne Nothafft von der KSFH München über das Menschenrecht auf Aufarbeitung der Geschehnisse. Aktive Aufarbeitung betrieben drei betroffene ehemalige Heimkinder, die sich den Fragen der Moderatorinnen und des Publikums stellten. Themen waren zum Beispiel der Heimerziehungsfond. Demnach steht Menschen, denen während der Zeit im Heim Gewalt widerfahren ist, eine finanzielle Entschädigung zu. Ein ehemaliges Heimkind brachte es auf den Punkt: “Kein Geld der Welt kann die durch meine Kindheit entstandenen Wunden heilen!” Darin, dass der Heimerziehungsentschädigung-Fond eine sinnvolle Entwicklung darstellt, waren sich allerdings alle einig.

Zum Abschluss des Tages an der Herzogsägmühle sowie am letzten Tag der Fachtagung an der Hochschule in Benediktbeuern konnte man sich intensiv mit dem Thema Heimerziehung in unterschiedlichen Workshops beschäftigen und verschiedene Vorträge besuchen.

Fazit: Es war wirklich eine sehr interessante Veranstaltung, in der es gelang die Zuhörer für das Thema zu sensibilisieren und aufzuzeigen, wie lang die Folgen einer schlechten Erziehung zu spüren sind. So hat dieses Thema auch wesentlich mehr Aufmerksamkeit in den Medien verdient.