„Am liebsten würde ich Sonderschulen abschaffen!“

Geschrieben von Nico Wunderle (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. September 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/09/am-liebsten-wuerde-ich-sonderschulen-abschaffen/>
Abgerufen am 22. Juni 2018 um 10:57 Uhr

Ein Interview mit Oswald Utz zu Inklusion, Barrierefreiheit und seiner Tätigkeit als Behindertenbeauftragter der Stadt München.
Inklusion ist ein Thema, das aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet werden sollte. Bisher haben wir von persönlichen Erfahrungen (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2015/02/ey-bist-du-behindert-wahre-begebenheiten-aus-dem-leben-eines-rollstuhlfahrers/) berichtet, auf theoretischer Ebene (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2015/05/was-ist-barrierefreiheit/) erläutert und eine Untersuchung zur beruflichen Inklusion und zur Sichtweise von ArbeitgeberInnen (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2015/07/auf-dem-weg-zu-einer-inklusiven-gesellschaft/) vorgestellt. Nun wollen wir uns einigen politischen Aspekten zuwenden.

PBS: Guten Tag Herr Utz. Im Rahmen unserer Themenserie „Inklusion“ freuen wir uns, Sie in ihrer Aufgabe als Behindertenbeauftragten der Stadt München befragen können. Bitte stellen Sie sich unseren Lesern kurz vor!
Oswald Utz: Ich heiße Oswald Utz, bin 50 Jahre alt und sitze aufgrund der sogenannten Glasknochenkrankheit im Rollstuhl. Ich habe einen ziemlich gebrochenen Lebenslauf. Da sich zur Zeit meiner Einschulung die Grundschule meines Heimatortes weigerte, mich aufzunehmen, musste ich eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung – damals noch „Sonderschule“ genannt – besuchen. Ich habe schnell gemerkt, dass ich mich dort nicht wohlfühle. Von der Hauptschule bin ich nach München auf die Realschule gegangen, habe danach auch mein Abitur gemacht und in München studiert. Ich habe mich schon sehr lange in Vereinen für die Anliegen und Rechte von Menschen mit Behinderung engagiert. Insbesondere für diejenigen, die außerhalb von Einrichtungen leben und nicht von Wohn- und Pflegediensten versorgt werden wollen, sondern von all dem möglichst frei sein wollen. Ich bin in meiner dritten Amtszeit Behindertenbeauftragter der Stadt München und seit letztem Jahr auch Stadtrat.

Welche Aufgaben haben Sie als Behindertenbeauftragter der Stadt München?
Mein Aufgabenspektrum ist sehr vielseitig. In Bayern gibt es keine feste Struktur bezüglich der Arbeit des Behindertenbeauftragten. Es gibt sowohl ehrenamtliche, von der Verwaltung beauftragte als auch festangestellte Behindertenbeauftragte. Das Gleichstellungsgesetz verpflichtet jede Kommune dazu, eine/n Behindertenbeauftragte/n zu haben. Meine Aufgabenschwerpunkte sind die Beratung von Bürgern in Bürgersprechstunden. Dies kann rechtliche Fragen – z.B. wie beantrage ich den Schwerbehindertenausweis – aber auch den Umgang mit einer Behinderung in der Familie betreffen. Außerdem berate ich Verwaltungen zu bestimmten Themen, die mit Menschen mit Behinderung im Zusammenhang stehen oder nehme dazu Stellung. Der dritte Schwerpunkt meiner Arbeit besteht in der Öffentlichkeitsarbeit. Dabei geht es darum, das Thema Behinderung in die Stadtgemeinschaft einzubringen. Wichtig ist, den Menschen klarzumachen, dass Behinderung nicht nur ein Thema für das Sozialreferat ist, sondern dass wir genauso Menschen sind, die in die Schule gehen, in München wohnen oder arbeiten wollen, Freizeit-, Kultur- und Sportangebote nutzen möchten.

War es immer schon ihr Traum, sich für Menschen mit Behinderung und ihre Belange einzusetzen?
Früher wollte ich mit dem Thema Behinderung nie etwas zu tun haben. Was mich aber geprägt hat, ist die „Selbstbestimmt-Leben-Bewegung“ aus Amerika. Diese Bewegung war der Anfang davon, dass sich Menschen mit Behinderung selbst um ihre Anliegen kümmern, ohne dass ihnen von SozialpädagogInnen, ErzieherInnen und PflegerInnen vorgeschrieben wird, was gut und richtig für sie ist und wie sie etwas zu erledigen haben. Ich habe festgestellt, dass das besonders wichtig ist, wenn man eine andere Vorstellung vom Leben hat als diejenigen, die angeblich wissen, wie es geht. Das hat mich dann einfach nicht mehr losgelassen. Ich hatte wahnsinnig viel Glück in meinem Leben und zur richtigen Zeit die richtigen Leute kennengelernt.
Was mich immer geängstigt hat, ist, dass ich gemerkt habe, dass die vorherrschenden Strukturen im Umgang mit einer Behinderung nicht ideal sind und noch verbessert werden sollten. Das hat mich, glaube ich, immer wieder so vorangetrieben, dass ich über das Engagement in Vereinen der „Selbstbestimmt-Leben-Bewegung“ gemerkt habe, wie viel es noch zu verbessern gibt. Dann habe ich überlegt, auch politisch tätig zu werden.

In New York wurde 2008 die UN-Behindertenrechtskonvention verabschiedet. Was bedeutet sie genau? Welche Auswirkungen hat die Konvention auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung?
Es gibt ja die allgemeinen Menschenrechte. Und letztendlich könnte man denken, wenn es die gibt, sollten sie ja für alle gelten. Sie gelten auch für alle. Es wurde aber trotzdem festgestellt, dass man diese Menschenrechte für bestimmte Personengruppen nochmal herunterbrechen und sie auch für sie nochmal aufführen muss. Diese Konvention gilt für alle Nationen verbindlich, die unterzeichnet haben. Die Konsequenzen, die die Verabschiedung der Behindertenrechtskonvention mit sich bringt, reichen sehr weit und wurden von der Politik etwas unterschätzt. Sie regelt den Behindertenbegriff, die Chancengleichheit sowie die Teilhabe an der Gesellschaft – die sogenannte Inklusion. Wichtige Bestandteile der Konvention sind der Zugang zur Justiz für Menschen mit Behinderung, Teilhabe am öffentlichen und politischen Leben und das Recht auf inklusive Bildung. Wir sind stolz auf die Behindertenrechtskonvention. Man könnte fast sagen, sie hat sich für mich zu einer kleinen Bibel entwickelt. Betroffene können sich in Rechtsfragen auf die Konvention berufen. Das beeinflusst die Urteile für Menschen mit Behinderung positiv und hat zur Folge, dass immer mehr Klagende vor Gericht Recht bekommen und Inklusion ermöglicht wird. Man merkt, dass in der Behindertenpolitik eine Veränderung im Gange ist.

Wie beurteilen Sie die Barrierefreiheit in München?
In München gibt es in jeder U-Bahnstation mindestens einen Aufzug. Es wird darauf geachtet, dass jeder Bus, der angeschafft wird, die drei Sinne bedient: Sie haben für Rollstuhlfahrer auch eine Rampe, Ansagen, die akustisch gemacht werden sind für Gehörlose auf einem Bildschirm zu sehen. Damit hat sich der öffentliche Nahverkehr verändert. Aber das ist ja nicht nur etwas, was mir zu Gute kommt. Etwas, das für Menschen mit Behinderung gut ist, ist auch für Menschen gut, die einen Kinderwagen schieben und auch für diejenigen, die einen Einkaufsroller hinter sich herziehen. Auch Touristen tun sich leichter, wenn sie im Bus nochmal die Zielanzeige visuell haben, vor allem wenn der Fahrer nur sehr schwer verständlich spricht. Mit der elektronischen Haltestellenanzeige und der Computeransage ist es ein bisschen besser geworden. Das Leitsystem, das es auf Ämtern gibt, ist nicht nur für Menschen mit Behinderung nützlich. Auch für Menschen mit Legasthenie und für Migranten, die noch nicht gut Deutsch sprechen, ist es wichtig, dass es die Anträge auch in einfacher Sprache gibt. In Bezug auf Barrierefreiheit ist schon etliches passiert. Trotzdem ist es immer wieder erneut ein Kampf, die Anliegen durchzubringen. Barrierefreiheit ist noch lange kein Selbstläufer.

Was würden Sie in München gerne noch verändern?
Eine große Baustelle ist das Thema Bildung. Ich setze mich sehr dafür ein und mein großer Wunsch ist es in München die Möglichkeit zu schaffen, dass ein Kind mit Behinderung in der Familie bleiben und in dieselbe Schule wie auch seine Geschwister ohne Behinderung gehen kann. Bis dorthin ist es noch ein weiter Weg und noch ganz mühevoll, das geltend zu machen. Ich will, dass ein Kind mit Behinderung nicht quer durch die Stadt fahren muss, um zur Schule zu kommen und schon gar nicht in die Sonderschule gehen muss. Ich würde diese Sonderschulen am liebsten abschaffen. Die Sonderpädagogen, die an diesen Schulen arbeiten, sollten auch an den Regelschulen eingesetzt werden. Zumindest in der Grundschule muss es möglich sein, dass man vier Schuljahre gemeinsam verbringt.

Vielen Dank für das interessante Interview mit Ihnen! Wir wünschen Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute!