Mauern im Kopf.
Was ist nur los in unserem Land?!

Geschrieben von Omar Abdelkader (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Oktober 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/10/mauern-im-kopf/>
Abgerufen am 15. Dezember 2019 um 16:50 Uhr

September 2015

Ich war gerade in Algerien, um meine Verwandten und Nachbarn zu besuchen, als Anfang September 2015 die ersten Züge mit den vielen Flüchtlingen am Münchner Hauptbahnhof ankamen. Euronews, Al Jazeera, TF1, BBC, und auch der algerische Staatssender, haben zur der Zeit darüber berichtet, wie die Flüchtlinge von den Menschen in München empfangen wurden.

Ankömmlinge wurden interviewt und sprachen ihr Glück aus, endlich in Sicherheit zu sein. Sie sprachen ihre Dankbarkeit aus an alldiejenigen, die Klamotten, Essen und Geschenke verteilt haben. Auch über Facebook habe ich Mitteilungen und Aufrufe zur Solidarität mitbekommen.

Selbstverständlich haben mich meine Verwandten und die Leute, die ich dort kenne öfters darauf angesprochen und waren positiv überrascht wie viel Bereitschaft da ist, um den Flüchtlingen zu helfen. Von der PEGIDA und dem alltäglichen Rassismus in Deutschland haben die internationalen Medien jedenfalls nichts berichtet. Stattdessen sah ich im Fernsehen, wie zum Beispiel in Ungarn die Menschen von den Sicherheitskräften gedemütigt und erniedrigt werden. Glück für “uns Deutsche”!

Doch was ist nur in unserem Land los?!

Im Oktober 2014, vor genau einem Jahr, versammelten sich zum ersten Mal Gruppen von „Wutbürgern“, „Patrioten“ und „besorgte Bürger“ in Dresden unter dem Decknamen „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA). Schnell haben sich Menschen aus anderen Städten in Deutschland angesprochen gefühlt und versammelten sich ebenfalls als „Wutbürger“ und „Patrioten“. So entstanden BAGIDA, DÜGIDA, LEGIDA usw.

Sie versammelten sich zu 1.000, zu 15.000 und erreichten sogar 20.000, um ihren Frust, ihre Ängste und Sorgen kundzutun. Es ging um die „Lügenpresse“, um die PolitikerInnen, die die Sorgen und Ängste nicht ernstnehmen und darum das Islamisten kommen würden, um das christliche Abendland zu bekämpfen. Es liefen junge und alte Menschen nebeneinander her und riefen: „Wir sind das Volk“ „Lügenpresse, halt die Fresse“ und betonten immer wieder „ Ich bin zwar kein Nazi, aber…“. Während die PEGIDA – Anhänger wöchentlich und bis heute weitermarschieren, haben sich PolitikerInnen, ExpertInnen und Medien damit beschäftigt, ob diese Menschen Ernst zunehmen sind, ob deren Sorgen berechtigt sind und haben dabei tatenlos zugeschaut.

Es gab viele Gegendemonstrationen, wo mal mehr und mal weniger Teilnehmende da waren, die aber trotzdem nicht aufhalten konnten, dass Asylheime gebrannt haben und dass der Rassismus, in der Mitte der Gesellschaft angekommen bzw. lauter geworden ist – und das in einer Zeit, in der Menschen zu uns kommen, die gerade von schlimmen Katastrophen flüchten mussten und dahin gehen wo sie sicher sind.

Und es kommen viele Menschen zur gleichen Zeit zu uns nach Deutschland, genauso wie nach Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn und anderen Ländern Europas. Trotzdem suggerieren uns Politiker und Medien mit Ansagen wie „ Das Boot ist voll“ und „wir können nicht alle aufnehmen“, das Gefühl, dass wir hier in Deutschland die ganze Welt aufnehmen und die Hilfen dafür nicht da sind.

Gleichzeitig werden Helfer am Münchner Hauptbahnhof von den Polizisten weggeschickt. Was ist nur los?

Deutschland ist gespalten

Wir können und dürfen nicht länger die Augen vor der Tatsache verschließen, dass Rassismus in Deutschland kein Problem von Rechtsextremen ist, sondern aus der Mitte der Gesellschaft kommt!

Das ist auch nicht seit PEGIDA erst so, denn PEGIDA ist nur der aktuellste Beweis dafür, dass wir lieber auf Schwächeren rumhacken und sie schlecht reden, anstatt uns wirklich Gedanken darüber zu machen, wie wir Armut, Arbeitslosigkeit und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft beseitigen können.
Ein Beispiel dafür ist die Griechenlandkrise, die im Jahre 2010 angefangen und “uns Deutsche” dazu gebracht hat, “die Griechen” als grundsätzlich faul und gierig zu betiteln.

Rassismus ist auch kein Problem das es nur im Osten von Deutschland, schließlich hat in Hessen ein Roland Koch (CDU) 2007 Wahlkampf gegen „kriminelle Ausländer“ geführt und aus Bayern kommen Ideen, wie die Maut für Ausländer. Wer den Ostdeutschen den Rassismus in die Schuhe schiebt, will sich mit dem Thema Rassismus nicht beschäftigen und ist arrogant zum Beispiel gegenüber denjenigen knapp 22.000, die am 19.10.2015 in Dresden gegen PEGIDA demonstriert haben.

Es zeigt nur, wie wenig wir uns mit unseren Problemen beschäftigen und lieber auf andere Gruppen schieben. Unser Problem ist zum Beispiel, dass wir gerne noch unterscheiden zwischen Osten und Westen, was sich beispielsweise bei der Arbeitslosenrate oder bei der Umsetzung des gesetzlichen Mindestlohn wiederspiegelt. Weil “der Ostler” meistens benachteiligt und gedemütigt wird als “Ossi”, ist es naheliegend, dass dort die Unzufriedenheit lauter ausgetragen wird. Die NPD, die AfD oder andere rechte Parteien haben dort auch durchaus mehr ansehen und werden öfters gewählt als woanders, weil die etablierten Parteien, wie CDU und SPD diese Ost-West Politik nicht beseitigen will.

Politik und Bürger

Die aktuelle Flüchtlingskrise zeigt, wie sehr BürgerInnen und Politik voneinander entfernt sind. Während die BürgerInnen bereit sind den Flüchtlingen zu helfen und sich organisieren bei „Refugees Welcome“ oder „Kreative Hilfe für Flüchtlinge in München“, streiten sich die Regierungsparteien untereinander und gegeneinander ohne eine wirkliche Lösung finden zu wollen. Auf der einen Seite will Horst Seehofer (CSU) den harten markieren und fordert ein schnelles Gesetz zur Abschiebung. Auf der anderen Seite versucht Angela Merkel (CDU) eine diplomatische Lösung zu finden, indem sie die anderen Länder der EU zu mehr Solidarität aufruft.

Die SPD bleibt bei der Frage hängen, ob es sich um Wirtschaftsflüchtlinge oder Kriegsflüchtlinge handelt. Wenn im Kosovo gerade nicht alles kurz und klein gemacht wird, wie in den 90 er Jahren, aber trotzdem die Menschen kommen, dann doch nur deswegen, weil sie kein weiteres Mal Krieg erleben wollen.

Bei dem Gezanke der Regierung wünscht man sich als BürgerIn eigentlich nur, dass dabei die Türen zu und die Mikrofone aus sind. Doch leider hängen an deren Lippen zu viele JournalistInnen, die darauf warten, dass ein Thomas de Maiziere, ein Horst Seehofer oder ein Stefen Seibert irgendetwas rassistisches, angsteinflößendes oder provozierendes sagen, damit sich die BürgerInnen im Internet oder auf der Straße aufregen können.

Mit Flüchtlingen gegen Rassismus

Ich würde gerne sagen, dass ich mit dem Thema Rassismus nun abschließe, doch die Umstände in der wir uns befinden, lassen einen das Thema einfach nicht beenden. Wenn PEGIDA in Dresden auf die Straße geht ist das scheinbar erwähnenswerter, als wenn tausende Menschen in Berlin gegen TTIP demonstrieren.

Während in Asylheimen die Menschen einander geraten, weil sie wie Sardinen in ihren Unterkünften hausen müssen und ihre Freiheit und Sicherheit noch lange nicht gewährt ist, tun andere so, als ob “die Flüchtlinge” ihnen alles weg nehmen würden und bekommen dafür auch noch die volle Aufmerksamkeit der Medien und PolitikerInnen.

Die Menschen kommen trotzdem nach Deutschland, es liegt also an uns wie wir uns verhalten wollen. Wollen wir den Menschen, die vor Krieg, Katastrophen und Armut flüchten, aufnehmen und mit ihnen gemeinsam den Rassismus in Deutschland beseitigen? Oder wollen wir weiterhin in einem Land leben, nach dem Motto: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“?