“Die Vergangenheit ist nicht mehr gestaltbar – es geht um die Zukunft”

Geschrieben von Malena Schulte-Spechtel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Dezember 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/12/die-vergangenheit-ist-nicht-mehr-gestaltbar-es-geht-um-die-zukunft/>
Abgerufen am 9. Dezember 2019 um 12:19 Uhr

Umweltpolitik in Deutschland 1990 – 2015: Bilanz und Ausblick bei den 19. Benediktbeurer Gesprächen im April 2015.

Entsprechend des diesjährigen Themas “Die Vergangenheit ist nicht mehr gestaltbar – es geht um die Zukunft. Umweltpolitik in Deutschland 1990 – 2015: Bilanz und Ausblick.” beschäftigten die Redner und Gäste sich mit vergangenen und zukünftigen Entwicklungen in der Umweltpolitik. Seit einiger Zeit ist nun auch die Dokumentation der Redebeiträge und der Abschlussdiskussion auf der Homepage der Allianz Umweltstiftung (https://umweltstiftung NULL.allianz NULL.de/v_1446214178000/media-data/veranstaltungen/benediktbeuer/2015/bb15 NULL.pdf) verfügbar.

Aus diesem Anlass sollen im Folgenden einige interessante Aspekte aus den Vorträgen herausgegriffen werden.

Umweltpolitik als solche ist im Vergleich zu manch anderen Politikfeldern noch relativ jung. In den 1960er und 70er Jahren entwickelte sich ein neues Bewusstsein von/ über Umweltproblematiken (Ölpreiskrise, Waldsterben). Erste Umweltministerien auf Länder- und Bundesebene wurden gegründet. Dabei ist Umweltpolitik aber auf gesellschaftliche Verankerung angewiesen. So vollzieht sie sich heute in einem Netzwerk von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren.

Über die Jahre ist feststellbar, Umweltpolitik entwickelt sich in Etappen. Diese Entwicklungen geschehen nicht aus sich heraus, sondern sind Reaktionen auf aktuelle Probleme, auf einen Leidensdruck. Ohne Krisen gibt es keine Entwicklung, nach dem Motto „Es passiert sowieso nichts bis zur nächsten Katastrophe“. Umweltpolitik darf aber nicht nur „Reparatur“ sein, sondern muss präventiv planen.

Dies wird dadurch um so schwerer, dass Umweltpolitik weit gespannt ist und somit viele politische und gesellschaftliche Bereiche betrifft. Hinzu kommt, dass sie langfristiges voraus denken erfordert. Denn oftmals werden die Auswirkungen getroffener Entscheidungen erst zeitlich verzögert deutlich, im positiven wie im negative Sinne.

Dr. Lutz Spandau bei seiner Einführung zum Thema (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/wp-content/uploads/2015/12/dr NULL.-spandau-2 NULL.jpg)

Dr. Lutz Spandau (Vorstand der Allianz Umweltstiftung) bei seiner Einführung zum Thema

Es ist nicht so, dass sich in den vergangenen Jahren nichts zum Positiven verändert hätte. Dennoch gibt es nachwievor viele ungelöste Probleme (Überfischung, Massenmobilität, Armut und damit verbundene Ausbeutung der Natur …) und keinen Grund zum Ausruhen. Doch in der Öffentlichkeit herrscht scheinbar Desinteresse an diesen Themen. Gibt es hier einen Zusammenhang zu viel gepredigten ökologischen Untergangsszenarien in der Vergangenheit?

Neben den direkten Umweltproblemen existieren noch weitere Schwierigkeiten. Wir leben in einer Zeit, in der nur „harten“ Fakten und vor allem Zahlen geglaubt wird. Wie zum Beispiel messen wir Umwelt- und Naturschutz? An Vorschriften und Gesetzen? Wie kann etwas, das nicht einfach messbar ist, beispielsweise der Nutzen der Erhaltung einer hohen Biodiversität, sichtbar und begreifbar gemacht werden?

Prof. Dr. Matthias Freude (Präsident des Landesamtes für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung Brandenburg) über die Wichtigkeit des Artenschutzes und über Implementierungsprobleme (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/wp-content/uploads/2015/12/Prof NULL.-Dr NULL.-Matthias-Freude NULL.jpg)

Prof. Dr. Matthias Freude (Präsident des
Landesamtes für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und
Flurneuordnung Brandenburg) über die Wichtigkeit des Artenschutzes und über Implementierungsprobleme

Zudem gibt es gute Konzepte, nur die Implementierung ist problematisch und die Verantwortlichkeiten teils unklar. Aber Umweltschutz ist eine Aufgabe vieler Akteure, die adressiert werden und agieren müssen: Politik, Wirtschaft und
Verbraucher. Die Verantwortung sollte nicht mehr von einem zum anderen geschoben werden, sondern Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung als gemeinsame Verpflichtung anerkannt werden.

Dabei werden die Grenzen nationaler und auch europäischer Umweltpolitik zunehmend deutlicher. Weitreichende Vernetzungen und Kooperationen sind unabdingbar. „Global denken und lokal handeln“ muss das Motto sein.

Volker Angres (Ressortleiter Umwelt des ZDF) fordert systemisches Denke in der Umweltpolitik (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/wp-content/uploads/2015/12/VOLKER-ANGRES NULL.jpg)

Volker Angres (Ressortleiter Umwelt des ZDF) fordert systemisches Denke in der Umweltpolitik

Denn Umweltschutz erfordert systemisches Denken sowohl in Produktionskreisläufen einzelner Produkte (z.B. müsste bei der Frage nach der Umweltfreundlichkeit eines Autos die gesamte Produktionskette berücksichtigt werden anstatt nur der Kraftstoffverbrauch) als auch in globalen wirtschaftlichen und sozialen Fragen wie beispielsweise der Ausbeutung eines Teils der Welt zu Gunsten eines anderen Teils (Gefälle zwischen Afrika und Europa oder Amerika).

Ein systemisches Umweltdenken würde also im momentanen Wirtschaftssystem zu massiven Profiteinbußen führen. Daraus ergibt sich zwangsweise, dass eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie und Wirtschaft nichts bringt.

Damit ist es aber nicht getan. Herr Glück geht noch viel weiter, die Grenzen des Wachstums, betont er, betreffen

Alois Glück (Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken) über Entstehung und Entwicklung der deutschen Umweltpolitik (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/wp-content/uploads/2015/12/Alois-Glück NULL.jpg)

Alois Glück (Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken)

alle und die Auswirkungen werden immer spürbarer. Doch wehren sich die meisten gegen notwendige Veränderungen. Dafür ist unsere Bereitschaft, das heißt nicht nur neue Innovationen, sondern auch die Fähigkeit zur Selbstbeschränkung notwendig. Es braucht also nicht nur sinnvolle Konzepte und eine gute Umsetzung, sondern eine Veränderung unserer moralischen und ethischen Einstellungen und Maßstäben. „Nachhaltigkeit“, langfristig denken und Verantwortung übernehmen, muss ein Leitgedanke unserer zukünftigen Gesellschaft sein.

Kurz, unser ökologischer Fußabdruck ist zu groß (vgl. Living Planet Report (http://www NULL.wwf NULL.de/living-planet-report/)). Dieses Verhalten ist weder ethisch vertretbar noch ökonomisch sinnvoll.

Es steht außer Frage, dass in der Umweltpolitik noch viel getan werden muss. Was ist also notwendig? Hier ein paar Punkte, im Laufe der Veranstaltung deutlich wurden:

Umweltpolitik greift in einem komplexen globalen System, in dem sich viele Faktoren gegenseitig beeinflussen. Allein dadurch können Veränderungen nicht von heute auf morgen Wirkung zeigen. Wir brauchen daher viel Geduld und Vertrauen, dass der Mensch an sich lernfähig ist und sich seine eigene Zukunft nicht zerstören will.

Veränderungen können nicht von einzelnen alleine bewirkt werden. Es braucht den Willen und die Bereitschaft vieler.

Eberhard Brandes (Geschäftsführender Vorstand WWF-Deutschland) - wie können wir die Menschen erreichen? (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/wp-content/uploads/2015/12/Eberhard-Brandes NULL.jpg)

Eberhard Brandes (Geschäftsführender Vorstand WWF-Deutschland) – wie können wir die Menschen erreichen?

Man muss sich also überlegen, wie erreiche ich Menschen, wie kann ich sie mitnehmen? Und das nicht nur situativ, sondern langfristig. Sind „Panikmache“ und dramatische Geschichten dafür der richtige Weg? Oder brauchen wir nicht eher positive Erfolgsbeispiele um Menschen auf einer emotionalen Ebene zu packen und anschließen auf einer sachlichen Ebene zu überzeugen? Umweltpolitik ist also auch eine Frage der Kommunikation und der Bildungspolitik.

Zu guter Letzt muss einem immer wieder vor Augen geführt werden, dass sich nur etwas verändert, wenn wir alle unseren Teil dazu beitragen. Es ist klar, dass es Organisationen, Verbände und Regierungen braucht um z.b. auf globaler Ebene etwas auszurichten und dass hierbei viel Transparenz gefordert werden muss. Das bedeutet aber nicht, dass die Verantwortung für unsere Umwelt nur bei diesen liegt. Jeder/jede Einzelne muss sich mitverantwortlich fühlen. Denn es geht nicht nur darum z.B. die Rodung des Regenwaldes zu stoppen, sondern auch darum etwas in den Köpfen der Menschen, der Konsumenten zu verändern. Und das beginnt beim Individuum.

Also nicht an der Lage der Welt verzweifeln und aufgeben, sondern im Kleine, bei sich und seinen Freunden anfangen. Dies funktioniert ganz konkret beispielsweise dadurch, dass ich mir Gedanken über mein (Konsum-)Verhalten mache. Einige grundlegende Tipps bekommt man schon, wenn man einmal seinen „ökologischen Fußabdruck (http://www NULL.footprint-deutschland NULL.de/inhalt/start)“ misst.