Soziale Arbeit – Professionsentwicklung und Zukunftsperspektive

Geschrieben von Matthias Kachel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Dezember 2015 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2015/12/soziale-arbeit-professionsentwicklung-und-zukunftsperspektive/>
Abgerufen am 27. Mai 2019 um 00:22 Uhr

Am 25. November 2015 fand am Standort München der Katholischen Stiftungsfachhochschule (KSFH) der erste berufspolitische Fachtag des Fachbereichs Soziale Arbeit statt. Organisiert wurde der Tag von einem Arbeitskreis der Studierendenvertretung, zu dem auch weitere interessierte Studierende stießen.

Die Idee der Veranstaltenden war es, die Soziale Arbeit aus drei Blickwinkeln zu beleuchten – also je einen Blick auf die Profession der Sozialen Arbeit und einen auf die Wissenschaft und Theoriebildung des Studien- und Forschungsfaches Soziale Arbeit zu werfen und zum Schluss auf die Soziale Arbeit in ihrer beruflichen und politischen Praxis einzugehen. Dazu hatte das Vorbereitungsteam zunächst Prof. Dr. Silvia Staub-Bernasconi, die für ihre Arbeit an der Theorie der prozessual-systemischen Sozialen Arbeit und ihr Verständnis von Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession bekannt ist, angefragt. Nachdem sie jedoch leider aufgrund ihrer Arbeitslast absagte, wurden weitere Rednerinnen und Redner angefragt.

So ergab es sich, dass am 25. November vor den 250 aus Studierenden und praktizierenden SozialarbeiterInnen zusammengesetzten Gästen Frau Prof. Dr. Rita Braches-Chyrek, Lehrstuhlinhaberin für Sozialpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg zur Professionsentwicklung der Sozialen Arbeit sprach. In ihrem Vortrag wurde klar, dass die Profession der Sozialen Arbeit dazu beitragen müsse, Gemeinschaften und Gesellschaft neu zu denken und zu formulieren. Dazu müsse sich das Arbeitsfeld weiter professionalisieren, der Fokus der Arbeit aber weiter auf den beschleunigten gesellschaftlichen Lebensverhältnisse, insbesondere die der KlientInnen gelegt werden.

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Prof. Dr. Stefan Borrmann über die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Sozialarbeitstheorien in Deutschland

Im zweiten Vortrag stellte Prof. Dr. Stefan Borrmann, Dekan der Fakultät Soziale Arbeit an der FH Landshut und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Sozialarbeitstheorien in Deutschland heraus und rechtfertigte diese mit einem Verweis auf die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Gesellschaft und gesellschaftlicher Herausforderungen. Er stellte auch klar, dass man zwar keine zentrale Theorie der Sozialen Arbeit brauche, wohl aber eine klare Definition des Gegenstands der Sozialen Arbeit. Zudem stellte er die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit als sinnvoll und gewinnbringend dar, worauf er in der späteren Podiumsdiskussion nochmals eingehen würde.

Herr Dr. Basilios Mylonas, Sozialpädagoge, Politikwissenschaftler, Moderator bei REGSAM e.V. und Lehrbeauftragter an der KSFH, stellte seine Sichtweise in drei kurzen und klar umrissenen Thesen dar: Seiner Meinung nach würden sich Praxis und Lehre der Sozialen Arbeit zu weit voneinander weg bewegen und so die Position der Sozialen Arbeit schwächen.

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Dr. Basilios Mylonas über das Auseinanderdriften von Lehre und Praxis in der Sozialen Arbeit

Diese Entwicklung sei zum einen im schwelenden Tarifkonflikt zu beobachten, aber auch in der Spezialisierung des Studiums der Sozialen Arbeit auf bestimmte Themen. Zweitens stellte er fest, dass der sozialstaatliche Konsens, also die Übereinkunft darüber, dass und wieviel der Staat für Sozialleistungen und soziale Errungenschaften, mehr und mehr verloren ginge. In dieser Hinsicht würden die Verhältnisse auch schwieriger für eine Soziale Arbeit, die daran arbeitet, Verteilungskonflikte zu lindern und sozial und finanziell exkludierte Menschen in die Gesellschaft zu integrieren. Dr. Mylonas dritte These bezog sich auf die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter selbst: Wenn die ersten beiden Punkte so beschaffen seien und somit Zielgruppen und Möglichkeiten der Sozialen Arbeit stetig neu ausgehandelt werden müssten, sei es notwendig, dass politisches Denken in der Sozialen Arbeit mehr Bedeutung gewinne.  SozialarbeiterInnen müssten sich mehr in politische Ämter und Entscheidungsbereiche integrieren und somit Potential schaffen für ein neues – oder erneuertes – sozialstaatliches Selbstverständnis.

In der darauffolgenden Podiumsdiskussion konnten die RednerInnen – angeleitet durch die studentischen Moderatorinnen Marion Hartländer und Katharina Lauerer – nochmals genauer auf ihre Vorträge eingehen und einzelne Themen vertiefen. Hier gesellte sich auch Matthias Kachel, Sozialarbeiter und Masterstudent der Angewandten Bildungswissenschaften an der KSFH dem Podium hinzu, um der Expertise der Lehrenden eine studentische Perspektive zur Seite, beziehungsweise entgegen zu stellen. Die TeilnehmerInnen diskutierten sehr angeregt über unterschiedliche Themen wie beispielsweise Studienablauf und Studienmodalitäten – hier vertrat Dr. Mylonas die Ansicht, die Verschulung der Bachelor- und Masterstudiengänge müsse aufgebrochen, während Prof. Dr. Braches-Chyrek sagte, es benötige andere Prüfungsformen zur besseren Vorbereitung der Studierenden.

(v.l.) Katharina Lauerer, Marion Hartländer, Prof. Dr. Stefan Borrmann, Prof. Dr. Rita Braches-Chyrek, Dr. Basilios Mylonas, Matthias Kachel (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/wp-content/uploads/2015/12/Präsentation3 NULL.jpg)

Podiumsdiskussion (v.l.) Katharina Lauerer, Marion Hartländer, Prof. Dr. Stefan Borrmann, Prof. Dr. Rita Braches-Chyrek, Dr. Basilios Mylonas, Matthias Kachel

Prof. Dr. Borrmann widersprach wiederum Dr. Mylonas‘ These, Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit lägen zu weit auseinander – er ging davon aus Theorie und Praxis zwei unterschiedliche Welten seien, die aber die selbe Daseinsberechtigung hätten. Er verteidigte auch nochmals seine These, dass unterschiedliche Theorien der Sozialen Arbeit sinnvoll und gewinnbringend seien – da SozialarbeiterInnen sich situationsbedingt in unterschiedlichen Rollen bewegten, sei es wichtig für die Bildung einer professionellen Identität, auch verschiedene Theorien zu kennen und anzuwenden. Hier waren sich die PodiumsteilnehmerInnen einig: Alle fanden es sinnvoll und wichtig, hier Gemeinsamkeiten zu erkennen und sich über sie auszutauschen.

Zum Schluss wurde das Podium für Fragen aus dem Publikum geöffnet. Hier wurde nochmals angesprochen, ob denn nicht eine Form von zentralem Konsenses oder Gemeinsamkeit der Sozialen Arbeit notwendig sei, was die meisten Podiumsteilnehmer unter Rückbeziehung auf den Wunsch nach theoretischer Vielfalt verneinten. Dabei berücksichtigten sie jedoch nicht die politische Relevanz einer zentralen Instanz sozialarbeiterischer Praxis, wie etwa einer Sozialarbeitskammer, die Arbeitsqualität und adäquate politische Vertretung gewährleisten könnte – vergleichbar mit einer Ärztekammer oder der von den Pflegeberufen geforderten Pflegekammer.

Eine letzte Frage bezog sich auf das politische Engagement angehender Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Hier kam die Frage auf, wie man KommilitonInnen motivieren könnte, sich im Studium, beziehungsweise danach, politisch sowohl für KlientInnen als auch für sich selbst und die eigenen KollegInnen einzusetzen. Hier wiederholte auch Dr. Basilios Mylonas nochmals seine Forderung nach SozialarbeiterInnen, die politische Berufe und Ämter ergreifen sollten, während Herr Kachel sich äußerte, dass die beste Motivation wahrscheinlich darin läge, selber aktiv zu werden und KommilitonInnen „mitzuziehen“ – dass man sich aber auch nicht durch eventuelle Inaktivität davon abhalten sollte, selbst etwas zu tun. Dazu gehöre auch, sich – sowohl im Studium als auch in der Praxis – über die eigenen Möglichkeiten im Klaren zu werden, und danach entsprechend zu handeln.

Die Studierendenvertretung der KSFH und der veranstaltende Arbeitskreis hält den berufspolitischen Fachtag der Sozialen Arbeit aufgrund der vielen positiven Rückmeldungen und der vielen Besucher für eine erfolgreiche Veranstaltung. Zum Schluss sei noch einmal den Referentinnen und Referenten, Teilnehmerinnen und Teilnehmern und allen Menschen, die bei Vor- und Nachbereitung geholfen haben, gedankt!