„Sie sind immer noch da!“

Geschrieben von Martin Tanfeld (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 28. Mai 2016 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2016/05/sie-sind-immer-noch-da/>
Abgerufen am 22. Mai 2019 um 15:57 Uhr

Jugendfilmgruppe des  Jugendbüros Burghausen zeigt neuen Film.

Nach dem Erfolg ihres Erstlingswerkes „Das Mühldorfer Hart – zu unbedeutend zum Erinnern?! (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2014/02/4000-tote-kein-grund-sich-zu-erinnern-burghauser-jugendliche-stellen-film-ueber-das-kz-im-muehldorfer-hart-vor/)“ hat sich die Filmgruppe des Jugendbüros Burghausen in den letzten beiden Jahren mit dem Mythos der sogenannten „Stunde Null“ und aktuellen Entwicklungen im rechtsextremen und rechtspopulistischen Spektrum beschäftigt. Für dieses Werk reiste die Filmgruppe quer durch Deutschland und Europa um Interviews mit Expert*innen, Politiker*innen und Zeitzeug*innen zu führen.
Das Ergebnis, der Film “Sie sind immer noch da!”, wurde nun im Rahmen eines gut besuchten Double-Features, am 09. Mai 2016 zum ersten Mal gezeigt. Ab 19:00 Uhr startete der Abend mit dem Film „Blut muss fließen (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2014/11/blut-muss-fliessen-undercover-unter-nazis-interview-mit-dem-regisseur-peter-ohlendorf/)“, der vor ein paar Jahren seine vielgeachtete Premiere bei der Berlinale hatte und sich mit der rechtsextremen Musikszene in Deutschland und Europa beschäftigt. “Adolf Hitler, steig hernieder, und regiere Deutschland wieder!”. Diese aussagekräftige Songzeile aus einem Rechtsrockkonzert, die der Journalist Thomas Kuban mit versteckter Kamera gedreht hat, spielt in der Dokumentation “Blut muss fließen” eine zentrale Rolle.

Anschließend wurde “Sie sind immer noch da!” gezeigt. Die Jugendfilmgruppe unternimmt im Film eine Reise durch die Geschichte. Zentrales Thema ist der Begriff der “Stunde Null”. Dieser wurde auf den frühesten Abschnitt der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland angewandt. Er bezieht sich auf die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht und den vollständigen Zusammenbruch des NS-Staates, welche die Chance zu einem voraussetzungslosen Neuanfang geboten haben. Der Mythos besagt also, dass mit dem Kriegsende am 08. Mai 1945 sämtliche nationalsozialistischen Strukturen in Deutschland zerschlagen und verschwunden waren. Durch den Verlust der Selbstbestimmung des deutschen Volkes unter der Militärbesatzung ab 1945 habe auch die alte deutsche Gesellschaft aufgehört zu existieren, ihre alten Werte seien damals gänzlich als widerlegt empfunden worden. Ob dies wirklich so der Fall war und ob es keine Nazis mehr in Deutschland gab und gibt, ist die große Frage des Films. Es wird versucht darauf eine Antwort zu geben.

So wird ausgehend vom Jahr 1933 im Film zunächst die Entwicklung des Nationalsozialismus erläutert sowie auch die Gräueltaten der Nationalsozialisten in Konzentrationslagern und Ghettos. Unter anderem wurden hierfür die Holocaustüberlebende Esther Bejarano interviewt und in Auschwitz in Polen intensive Recherche- und Filmarbeiten durchgeführt, wobei auch weitere Zeitzeugen zum Holocaust interviewt wurden. Den Streifzug durch die Geschichte setzt der Film dann mit der Entwicklung der Neonaziszene nach dem 08. Mai 1945 fort. Thematisiert werden unter anderem Brandanschläge auf Asylbewerberheime, das Oktoberfestattentat, der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) und andere Vorfälle neonazistischer Gewalt. Ebenso wird die Rolle der Politik und des Schweigens bei den Entwicklungen beleuchtet. So wird der Bogen bis ins Jahr 2016 gespannt.

Podiumsdiskussion v.l.n.r. Florian Ritter, Markus Schäfert, Martin Tanfeld, Peter Ohlendorf, Martin Becher

Podiumsdiskussion v.l.n.r. Florian Ritter, Markus Schäfert, Martin Tanfeld, Peter Ohlendorf, Martin Becher

Im Anschluss an die beiden Filme wurde dann noch eine Podiumsdiskussion/ Fragerunde, mit Interviewpartnern und den Filmschaffenden, durchgeführt. Auf dem Podium saßen Peter Ohlendorf (Regisseur von „Blut muss fließen“), Martin Becher (Geschäftsführer Bayerisches Bündnis für Toleranz), Florian Ritter (Mitglied des bayerischen Landtags) und Markus Schäfert (Pressesprecher Landesamt für Verfassungsschutz Bayern). Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Martin Tanfeld, welcher auch als Vertreter der Jugendfilmgruppe am Podium teilnahm. In dieser Runde konnten Fragen des Publikums zu den beiden Filmen und zum Thema gemeinsam beantwortet und diskutiert werden.

Ab Juni ist „Sie sind immer noch da!“ auf DVD beim Jugendbüro Burghausen auf Anfrage erhältlich.