“Der interessanteste Schultag im Jahr” – Zu Gast bei angehenden ErzieherInnen

Geschrieben von Nico Wunderle (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. Juni 2016 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2016/06/der-interessanteste-schultag-im-jahr-zu-gast-bei-angehenden-erzieherinnen/>
Abgerufen am 14. Dezember 2018 um 17:04 Uhr

Ich heiße Nico Wunderle, bin 21 Jahre alt und studiere Soziale Arbeit. Seit einem Sauerstoffmangel während meiner Geburt lebe ich mit einer Spastischen Tetraparese und bin deswegen dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen. Vor ein paar Monaten sagte mir mein Dozent bei einem Gespräch über mein anstehendes Praktikum: “Herr Wunderle, vergessen Sie nicht dass ihre Beeinträchtigung nicht nur eine Schwierigkeit in ihrer beruflichen Zukunft bedeutet, sondern viel mehr auch eine Ressource mit sich bringt. Versuchen Sie, Ihre Behinderung als Ihre Ressource zu nutzen!” Diese Worte haben mich sehr gestärkt und mir eine andere Perspektive auf meine Zukunft als angehender Sozialpädagoge gegeben. Mit diesen wunderschönen Worten möchte ich Ihnen ein kleines Projekt vorstellen, das ich jedes Jahr in drei Klassen der Fachakademie für Sozialpädagogik in München durchführe.

Morgens, um 07:10, stieg ich am 31. Mai 2016 in die S-Bahn ein. Die Lehrerin, die mich in die Schule eingeladen hat, erwartete mich schon im Abteil und wir begannen uns zu unterhalten. Als wir aussteigen mussten und zielstrebig den Aufzug ansteuerten, wartete eine negative Überraschung auf uns. Der Aufzug war mal wieder defekt. Für mich heißt das, ich muss jetzt Treppen steigen und glücklicherweise haben sich zwei Schüler gefunden, die mir meinen Rollstuhl zwei Treppen nach oben trugen und mir eine Hand gaben, damit ich die Stufen besser bewältigen konnte.

Ich besuchte die SchülerInnen der Klassen, die sich im ersten Theoriejahr, also insgesamt im dritten Jahr der Ausbildung zum/r ErzieherIn befinden. Im Rahmen ihres Heilpädagogik-Unterrichts lernen die Schülerinnen und Schüler verschiedene Krankheiten und Beeinträchtigungen kennen und erarbeiten sich Referate, die sie ihren Mitschülern im Laufe des Schuljahres präsentieren. Mein Besuch in den Klassen rundet dieses Thema ab, indem ich aus dem Alltag eines Rollstuhlfahrers berichte.

Für mich ist dies immer ein toller Vormittag, wenn ich in den Klassen, von meinem Alltag erzähle. Ich erlebe immer großes Interesse von den angehenden ErzieherInnen und versuche, mit Offenheit, Optimismus und Humor, möglichen Berührungsängsten entgegenzuwirken. Während meiner Unterrichtsstunden lasse ich mich von den Fragen der Schüler und Schülerinnen leiten und beantworte sie in erster Linie. Außerdem erzähle ich von Hindernissen, Kuriositäten und Erlebnissen. Am Wichtigsten ist mir dabei die Offenheit, was ich immer wieder betone, indem ich sage,  dass ich alles beantworte, was die Leute, die mir zuhören, wissen möchten. Das Gefühl, dass ich nur mit meinem authentischen Auftreten als Person, eine Unterrichtsstunde bereichern kann, – wie mir vielmals gesagt wurde -, macht mich sehr glücklich. Ich freue mich immer sehr, wenn ich bei Unterrichtsstunden zu Gast sein darf. Schon alleine die Tatsache, dass die Schüler und Schülerinnen mir anderthalb Stunden zuhören und mir ihre Aufmerksamkeit schenken, beweist mir, dass ich sie mit meinem Auftreten berühre. Diese Tatsache macht mich auch ein bisschen stolz und ich danke allen, die mir zugehört haben und sich für das, was ich erzählt habe, interessieren.

Die angehende Erzieherin Laura gab mir folgendes Feedback:

“Ich habe mehr über das Leben mit Behinderung gelernt die Schwierigkeiten und auch die Freuden, die man erlebt, wenn man gehandicapt ist. Auch über staatliche Förderungen und Möglichkeiten zur Unterstützung erfuhr ich einiges, das ich noch nicht wusste. Was die Gesellschaft und ich noch tun müssen, um die Barrieren der Menschen zwischen einander zu überwinden, wurde mir klar. Nun weiß ich, Menschen mit Behinderung sollen nicht bemitleidet werden. Man sollte sie bewundern!“

Die Lehrerin meinte zu meinem Unterrichtsbesuch:

“Ein Herzstück des Heilpädagogik-Unterrichts war der Besuch von Nico Wunderle in den ersten Kursen der Caritas Don Bosco Fachakademie für Sozialpädagogik in München. Alle 90 angehenden Erzieher und Erzieherinnen erhielten im Rahmen einer Doppelstunde die Möglichkeit, konkret Fragen zu stellen, eigene Hemmungen zu überwinden und so Einblick in das Leben eines „normalen“ jungen Erwachsenen im Rollstuhl zu bekommen. Kaum einer wird sich hinterher nicht an den sympathischen jungen Mann erinnern, den man gerne in ein Fußballspiel oder auf ein Konzert begleiten würde. Komm bitte auch nächstes Jahr wieder, Nico!”

Ich freue mich schon auf nächstes Jahr!