Deutsche Leitkultur – Integrationsdebatte am Beispiel des Händeschütteln als Begrüßung

Geschrieben von Julia Poweleit (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. November 2016 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2016/11/deutsche-leitkultur-integrationsdebatte-am-beispiel-des-haendeschuetteln-als-begruessung/>
Abgerufen am 23. September 2018 um 07:30 Uhr

Ein Problem der Integration?!
Das Thema Integration bestimmt seit dem Sommer 2015 unsere Medien und  lässt auch unsere Gesellschaft nicht ruhen. Ob in Berichterstattungen, Politsendungen, Diskussionsrunden und sogar am Stammtisch im einzigen Wirtshaus im Ort – Jeder ist sich einig, die „Anderen“ müssen sich integrieren.

Doch was heißt Integration eigentlich?
Integration meint eine Einheit oder Gruppe in ein bestehendes Ganzes einzugliedern. Ziel ist es also eine Einheit aus verschiedenen Elementen herzustellen – im Gegenteil zu ihrem Vorläufer der Separation, deren Ziel es war bestimmte Personen und Bevölkerungsgruppen zu isolieren, um eine möglichst große, homogene Bevölkerungsgruppe zu bilden.

Integration bedeutet also, dass niemand mehr ausgegrenzt oder separiert wird, sondern das bestehende System so anzupassen, dass alle in dieses eingegliedert werden können.

Hilfe zur Integration durch Ehrenamtliche
Eine gelingende Integration braucht immer beide Seiten: Den Willen sich zu integrieren und ein Umfeld, in das man sich integrieren kann. Die kleinen, ortsbezogenen Asylhelferkreise, die bei Ankunft der ersten Geflüchteten in jeder kleinen Ortschaft auf einmal da waren, haben es sich zur Aufgabe gemacht, bei der Integration zu helfen.

Immer wieder überlegen wir als ehrenamtliche Helfer, wie wir Geflüchtete in die Gesellschaft integrieren können, welche Werte und Kultur wir vermitteln und auch, wie wir – Geflüchtete und Helfer – mit kulturellen Unterschieden umgehen können und sollen.

Einer dieser kulturellen Unterschiede, der zunächst banal erscheinen will, ist das Händeschütteln zur Begrüßung.

Der Händedruck als kulturelle Begrüßungsform
Bereits seit der griechisch-römischen Zeit ist der Händedruck als Begrüßungsform dokumentiert und gilt bis heute als weitverbreitetes Höflichkeitselement im deutschen Kulturkreis. Knigge weist sogar darauf hin, dass einen Handschlag zu verweigern allen gängigen Benimmregeln widerspreche und nach wie vor als schwere Beleidigung gelte.

In anderen Kulturen ist es dagegen durchaus üblich und weit verbreitet, dass Frauen keinerlei körperlichen Kontakt zum anderen Geschlecht aufnehmen oder auch nur gewähren. Stattdessen führen zur Begrüßung ihre Hand zum Herzen.

Wie gehen wir mit dieser Situation nun um? Wie bereite ich eine afghanische Frau auf ein Vorstellungsgespräch bei einem männlichen Arbeitgeber vor? Läuft sie Gefahr den gewünschten Arbeitsplatz nicht zu erhalten, weil der Chef sich vor den Kopf gestoßen fühlt, wenn sie ihm nicht die Hand gibt? Gehört es denn zur Integration „weitverbreitete“ Höflichkeitselemente übernehmen zu müssen?

Die Umsetzung in Deutschland
Es ist Donnerstag und ich stehe mit Rami vor dem Gebäude der AOK in Weilheim. Rami ist ein junger, aufgeschlossener Mann, der vor sechs Monaten aus Syrien geflohen ist. Auch ihm hatte ich erklärt, dass es bei uns üblich sei, zur Begrüßung die Hand zu schütteln, dass es sogar als unhöflich oder verstörend gewertet werden könne, wenn dies nicht geschehe.

Nun stehen wir vor der Eingangstür und blicken auf das dort auf Augenhöhe angebrachte Schild. Es besagt, dass die Mitarbeiter dieser Filiale aus gesundheitspräventiven Gründen auf das Händeschütteln zur Begrüßung verzichten und stattdessen die Form eines freundlichen Lächelns wählen.

Wir betreten das Gebäude und werden von einem Berater empfangen. Als Rami ihm die Hand zur Begrüßung geben möchte, wandelt er die Geste geschickt um und bietet uns einen Stuhl an. Der Berater lächelt, Rami sieht mich verunsichert an.

Bei genaueren Recherchen im Internet stoße ich auf die so genannte deutsche „No-Hands-Bewegung“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat über die mögliche Bakterienübertragung beim Händeschütteln zu informieren und Materialien zur Verfügung stellt um diese neue Idee im eigenen Umfeld durchzusetzen. Diverse Geschäfte, Firmen und Arztpraxen setzen diese Begrüßungsvariante bereits ein. Je mehr ich die Augen offen halte, desto öfter sehe ich Plakate, die mir mitteilen, dass in diesem Gebäude keine Hände geschüttelt werden.

Kulturelle Orientierung
Aufgrund der Erfahrungen, die wir aus der deutschen Geschichte gezogen haben, wurden nach dem zweiten Weltkrieg die Grundrechte in unserem Land festgeschrieben. Die deutsche Verfassung stellt Werte und Normen unserer Kultur und soll als Orientierung dienen. Nirgendwo gibt es Vorschriften zur Umsetzung der deutschen Kultur, stattdessen wird immer wieder die Freiheit des Menschen betont. Wir sind frei in der Entfaltung unserer Persönlichkeit, in unserer Meinungsäußerung und in unserem Glauben und Gewissen.

Die „Leitkultur“ in Deutschland
Um mehr Orientierung zu schaffen, griff die CDU erneut auf den von ihnen selbst Ende 2000 entworfenen Begriff der „Leitkultur“ zurück. Beim letzten Treffen der CSU und der sächsischen CDU am 30.09.2016 sollte dieser Begriff nun auch endlich näher bestimmt werden. Im dreiseitigen Papier „Aufruf zu einer Leit- und Rahmenkultur“ wird erläutert, dass zur Leitkultur nicht nur „die Werte und Rechtsnormen der demokratischen Grundordnung“ gehören, sondern sie neben mehr Patriotismus auch Übereinkünfte von der Regelung des Alltagslebens umfasse. Dies schließe den selbstverständlichen Gebrauch der deutschen Sprache sowie bewährte Umgangsformen mit ein.

Dieser Ruf nach einer so genannten Leit- und Rahmenkultur wirkt wie der Wunsch nach einem Vorschriftenkatalog zur Umsetzung der deutschen Kultur. Ein solcher würde viele Diskussionen über unsere Kultur ersparen, denn dort würde verdeutlicht werden, welches Verhalten in unserer Kultur umzusetzen wären und welches nicht. Die Bürger hätten einen eindeutigen Regelkatalog, nachdem sie ihr Handeln ausrichten. Wir wären alle konform in unserem Handeln und es gäbe keine Unterschiede mehr. Ist das die Vorstellung einer schönen neuen Welt?

Leitkultur als Antwort?
Die Grundpfeiler unserer Kultur sind in unserem Grundgesetz verankert, brauchen wir also wirklich noch eine genau geregelte Leitkultur?

Sind es nicht unsere Werte und das, was unsere Kultur ausmacht, dass wir keine festgeschriebene „Leitkultur“ besitzen, die unser Verhalten bestimmt?
Ist es nicht das, was das Grundgesetz uns sagen möchte?
Wir sind frei in unserem Handeln. Wir sind frei in der Entscheidung, ob wir jemanden zur Begrüßung die Hand schütteln oder nicht. Ich entscheide mich frei dazu oder eben nicht dazu, egal, ob auf Grundlage religiöser Ansichten, medizinischen Ansichten oder auch nur persönlichen Ansichten.

Integrationsproblem oder Lösung?
Ich glaube, dass die Kultur- und Leitkulturdebatte weder ein Problem der Integration, noch die Lösung darstellt. Bedarf es nicht vielmehr klaren Stellungnahmen zu unseren damals festgeschriebenen und frei erwählten Grundrechten.