Soziale Arbeit – ein politischer Beruf?!

Geschrieben von Matthias Kachel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. November 2016 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2016/11/soziale-arbeit-ein-politischer-beruf/>
Abgerufen am 20. Juli 2018 um 14:32 Uhr

Soziale Arbeit, so sind sich Theorie und Praxis einig, ist eine Menschenrechtsprofession. SozialarbeiterInnen unterstützen ihre Klientinnen und Klienten dabei, sich selbst und ihr Umfeld zu ermächtigen, zu verändern und sich für ihre Bedürfnisse und Rechte einzusetzen.
Soweit die Theorie. Doch manchmal ist Soziale Arbeit schon eine sehr widersprüchliche Profession. In ihren Arbeitsfeldern arbeiten hunderttausende Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter – ihr Berufsverband hat allerdings nur 6000 Mitglieder. Dessen Mitglieder arbeiten am Empowerment, der Selbstermächtigung ihrer Klientinnen und Klienten – und fühlen sich oft selbst machtlos. Per Gesetz sind Vertreterinnen und Vertreter in vielen unterschiedlichen politischen Kontexten vertreten – und TheoretikerInnen streiten über ihren Politikgehalt. In der Soziarbeitstheorie wird viel über den politischen Gehalt der Sozialen Arbeit gesprochen – doch wie erleben Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter den politischen Gehalt ihrer Praxis?
Tatsächlich stieß ich bei meinen ersten Recherchen für meine Masterarbeit zu dieser Frage ausschließlich Beiträge, die aus einer sozialarbeitswissenschaftlichen und damit eher theoretischen Perspektive argumentierten. Aussagen von praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern fand ich leider überhaupt nicht.
Also entschloss ich mich, in meiner Masterarbeit Gruppendiskussionen mit Studierenden der Sozialen Arbeit und mit praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern zu führen. Mit Gruppendiskussionen lassen sich – anders als über quantitative Methoden oder Einzelinterviews – subjektive Bedeutungsstrukturen erkennen, die nur im sozialen Kontext, also in Gruppen, ihren Ausdruck finden. So können kollektive Einstellungen und Haltungen eher ermittelt werden als es in Einzelkontexten der Fall ist – zum einen, weil sich in diesen Gruppen „Gleichgesinnte“ zusammenfinden können, zum anderen, weil sich aus dem Diskurs heraus Haltungen, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer normalerweise für sich behalten würden ebenfalls herausarbeiten lassen.
Es ergaben sich auf meine Einladung insgesamt vier Gruppendiskussionen, zwei mit Studierenden der Sozialen Arbeit ab dem sechsten Semester und zwei mit praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, die seit wenigstens fünf Jahren im Beruf stehen.
Infolge der Analyse ließen sich so die folgenden sechs Kategorien herausarbeiten, die in allen Diskussionen auffindbar waren:
„Soziale Arbeit mit dem Rücken zur Wand“
Hier wurde die enge Zeitperspektive vieler Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit herausgestellt. Gerade die Studierenden und jüngeren Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter äußerten, dass es für sie schwierig sei, bei einer hohen Auslastung mit Klientinnen und Klienten und der dazugehörigen Verwaltungsarbeit die politische Dimension der Sozialen Arbeit und die Möglichkeiten politischen Arbeitens im Blick zu behalten. Gerade ältere, aktive Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter bestätigten, dass es bei ihnen eine Vermehrung an Aufgaben bei gleichbleibenden Zeitressourcen gegeben habe und dass es in dieser Situation schwieriger geworden sei, an übergreifende Themen zu denken.

Empowerment der Empowernden
Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter empowern in ihrer Praxis viele ihrer Klientinnen und Klienten, doch das eigene Empowerment, die eigene, persönliche und professionelle Sicherheit sehen viele der jüngeren Diskutierenden nicht gewährleistet. Dazu gehört beispielsweise auch, über die eigenen Rechte und politischen Möglichkeiten Bescheid zu wissen, die Möglichkeit zu haben, professionell und ethisch richtig zu handeln und gleichzeitig nicht Angst um den Verlust der eigenen Stelle haben zu müssen, wenn man dann etwas tut, das sich gegen die Praxis des Trägers richtet. Die praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter stellten dar, dass sie sich zum einen durch eine Teilnahme bei den Streiks der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im Jahr 2015, durch ihre Mitgliedschaft im Berufsverband, des DBSH oder durch die eigene gesammelte Erfahrung bestärkt in ihrem Tun fühlten.

Berufsverband
Gerade die jüngeren Teilnehmenden äußerten, dass sie den DBSH, den Deutschen Berufsverband Soziale Arbeit e.V., nicht genügend kennen würden und auch nicht wahrnähmen, was er tun würde beziehungsweise getan hätte – teilweise kritisieren sie in Kombination mit dieser Wahrnehmung seine vermeintliche Inaktivität, teilweise versuchen sie Positionen zu rekonstruieren, von denen sie gehört haben – beispielsweise die Berufsethik der Sozialen Arbeit, die vom DBSH verabschiedet wurde, bei der jedoch in der Diskussion nicht geklärt werden kann, ob sie jetzt allgemeingültig ist, beziehungsweise ob sie überhaupt wirklich existiert.

Reaktionen auf die Position der National Association of Social Workers
In einer der letzten Leitfragen der Gruppendiskussionen wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den „Imperatives of Social Work“ der amerikanischen National Association of Social Work, des amerikanischen Berufsverbands, konfrontiert. Diese Forderungen an die Soziale Arbeit, sich mit politischen und gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen, fand gerade bei den Studierenden großen Anklang – hier wurden Wünsche geäußert, dass doch der eigene Berufsverband ähnliche Äußerungen treffen könnte – und dass man nach diesen Äußerungen den amerikanischen Verband nun besser kennen würde als den deutschen.

Soziale Arbeit und Macht
In den Gruppendiskussionen wurde auch die Frage nach der Möglichkeit der Machtausübung beziehungsweise der Verortung von Macht in der Sozialen Arbeit diskutiert. Die jüngeren und Studierenden orientierten sich eher an Gewerkschaften wie der GDL, der Gewerkschaft Deutscher Lokführer und ihrer Streiks. Hier wurde in den Diskussionen die Idee geäußert, ähnlich radikal vorzugehen und die eigene Macht beispielsweise durch temporäre Schließung der Einrichtungen zu demonstrieren und so Veränderungen in den beruflichen Bedingungen der Sozialen Arbeit zu erzwingen. Dabei wurde allerdings auch die ethischen Schwierigkeiten mit diesen Methoden bedacht. Ein interessanter Aspekt der bei den praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern geäußert wurde, war die Verortung der Macht der Sozialen Arbeit in ihrer Expertise – also dass es eben die Fähigkeit, Zusammenhänge zu verstehen und menschenrechtsbezogene Äußerungen zu treffen ist, die der Sozialen Arbeit ihre Macht verleiht.

„Alles ist politisch“
Hier war es ein Anliegen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, zu definieren, was denn eigentlich politisches Handeln ist – dabei setzt sich bei den Studierenden die Erkenntnis durch, dass politisches Handeln keinesfalls nur die Mitarbeit in Parteien und politischen Gremien bedeutet. Es ist eben auch in Vereinen, NGOs und eben auch im sozialarbeiterischen Handeln, im Empowerment der Klientinnen und Klienten, in deren Ermächtigung dazu, sich für sich selbst einzusetzen beheimatet. Bei den praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern wird wiederum noch eine Ebene tiefer angesetzt – in Anlehnung an das Brechtzitat heißt es bei Ihnen: „Alles ist politisch“ – dem könne man sich weder als BürgerIn noch als SozialarbeiterIn entziehen.

Nun wäre es natürlich einfach zu sagen, dass aufgrund dieser letzten Kategorie sowieso alle Lebensbereiche politisch seien und es somit nicht erheblich, ob die Soziale Arbeit aus sich heraus oder aufgrund fremden Zutuns ein politisches Mandat habe. Gerade weil alle Handlungen des Menschen politische Dimension haben bzw. haben können, müssen sich Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter – so auch die Sozialarbeitstheoretikerin Tilly Miller – dieser politischen Dimension und der Abhängigkeit der Sozialen Arbeit von Politik, Macht und Geld bewusstwerden und ihnen entsprechend handeln.