“Kinder mit Migrations- und Fluchterfahrung in der Kita”

Geschrieben von Nico Wunderle (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Dezember 2016 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2016/12/kinder-mit-migrations-und-fluchterfahrung-in-der-kita/>
Abgerufen am 21. Mai 2018 um 05:27 Uhr

Es vergeht kein Tag ohne irgendwelche erschreckenden Neuigkeiten in den Nachrichten oder in der Zeitung. Täglich müssen Menschen vor Krieg und Verfolgung fliehen. Sie machen sich – meist  zu Fuß – auf den Weg und begeben sich während der Flucht in Lebensgefahr. Oft sind Fliehende alleine unterwegs oder Familien werden auseinandergerissen, weil Familienmitglieder verloren gehen.
Andrea Hendrich ist Diplom-Pädagogin, Familientherapeutin, Mediatorin und hat langjährige Erfahrung in der Arbeit in der Erziehungsberatung. Die Arbeit mit Kindern mit Migrations- und Fluchterfahrung liegt ihr sehr am Herzen. Aus diesem Grund erschien 2016 ihr Buch “Kinder mit Migrations- und Fluchterfahrung in der Kita”.

Kinder mit Migrations- und Fluchterfahrungen haben oft andere Erfahrungen als die einheimischen Kinder, die ebenfalls in die gleiche Kindergartengruppe gehen. Nicht selten bringen diese Kinder traumatische Erlebnisse aus ihrer Lebensgeschichte mit und haben noch nicht ihre Kindheit ausleben können. Deswegen dürfen wir nicht vergessen, dass sie in erster Linie Kinder sind, die mit verschiedenen Herausforderungen zu kämpfen haben. Diese Herausforderungen liegen beispielsweise darin, dass die Familien der Geflüchteten aus einem anderen Kulturkreis stammen, unsere Sprache (noch) nicht beherrschen, die Geschlechterrollen ganz anders kennen als wir sie in Deutschland leben und noch vieles mehr.
Für viele Familien mit Migrations- und Fluchterfahrung verändert sich ihr Alltag sehr. Sie kennen die Institutionen, die für uns selbstverständlich zum Leben dazu gehören, zum Beispiel den Kindergarten oder die Schule nicht und sind aufgrund der vielen Möglichkeiten, die unser soziales System bietet, überfordert und finden sich darin nicht zurecht. Menschen, die in ein Land fliehen, haben leider sehr häufig mit Diskriminierung zu kämpfen, leiden unter der ungewissen Zukunft und müssen unter Umständen – je nach ihrer Herkunft –  damit rechnen, dass sie bald abgeschoben werden könnten. Häufig reisen die fliehenden Familien mit großen Erwartungen nach Deutschland. Jedoch halten diese oft nicht lange an, sondern weichen einer riesigen Ernüchterung und Enttäuschung, ob der Lebensumstände, die sie in der Unterkunft vorfinden. Diese Perspektivlosigkeit lässt die Fliehenden verzweifeln. Dies sind nur einige Herausforderungen, mit denen Menschen, die sich auf der Flucht befinden, konfrontiert sind.

Das Buch “Kinder mit Migrations- und Fluchterfahrung in der Kita” nennt und beschreibt die Herausforderungen, die Menschen mit Fluchterfahrung in ihrem Alltag erleben. Der Umgang mit traumatischen Störungen aufgrund von Fluchterlebnissen spielt im Buch von Andrea Hendrich ebenfalls eine große Rolle. Pädagogische Fachkräfte erhalten Ratschläge, wie sie in solchen Situationen  professionell handeln können und was es zu beachten gilt. Es geht um die Arbeit mit den Ressourcen, die ein Kind beziehungsweise seine Familie und seine Umwelt mitbringt, und um  Resilienzförderung (Förderung der psychischen Widerstandsfähigkeit). Grundlegendes pädagogisches Handeln, das in der Kita bei der Arbeit mit Kinder mit Fluchterfahrung sinnvoll scheint, wird ebenfalls beschrieben. Dabei geht es zum Beispiel um den Aufbau von Beziehung und Bindung, kultursensible Erziehung sowie dem Umgang mit Konflikten.

Ebenfalls wichtig für die Arbeit mit Flüchtlingsfamilien sind Elternarbeit und Vernetzung. Dies kann auf viele verschiedene Arten stattfinden, die im Buch alle beschrieben werden, wie beispielsweise ein Eltern-Café.

Das vorletzte Kapitel des Buches widmet sich den unterstützenden Rahmenbedingungen für pädagogische Fachkräfte. Hier geht es um die Notwendigkeit eines multiprofessionellen, multikulturellen Teams sowie das zwingende Vorhandensein von Selbstreflexion, Supervision und regelmäßigem Austausch im Team.  Die Zusammenarbeit mit Dolmetschern, die Vernetzung im Stadtteil und die Nutzung des Fortbildungsangebot wird im Buch angeregt.
Die Grenzen pädagogischen Handelns werden im letzten Kapitel des Buches thematisiert.

Abschließend gibt Hendrich einen Ausblick und fasst kurz zusammen, was für sie wichtigsten Punkte gelingender Arbeit mit Kindern mit Fluchterfahrung sind. Dort heißt es unter anderem “Möglichst wenig anders machen”, “Angstfreiheit, Neugier und Zuneigung” und “Gesunde Selbstfürsorge und Vertreten eigener Werte”.

“Kinder mit Migrations- und Fluchterfahrung in der Kita” von Andrea Hendrich ist ein leicht verständliches, kompaktes Fachbuch. Die pädagogischen Inhalte werden am Beispiel von drei fliehenden Kindern aufgezeigt, die unterschiedliche Lebensgeschichten  vorzuweisen haben. Der Flüchtlingsjunge Nazim kommt aus dem Kosovo mit seiner Mutter nach Deutschland und die syrischen Kinder Selima und Edward, die jeweils Familienmitglieder im Krieg beziehungsweise auf der Flucht verloren haben. Durch die permanent nahe Praxisorientierung und  die Lebensgeschichten der drei Kinder ist das Buch sehr gut lesbar. Auch für Menschen, die kein pädagogisches Vorwissen haben, ist es sehr gut geeignet.

Viel Spaß beim Lesen!

Informationen zum Buch:
Hendrich, Adrea (2016): Kinder mit Migrations- und Fluchterfahrung, 1. Aufl. München Basel: Ernst Reinhardt Verlag. Kaufpreis: 19,90 Euro. ISBN: 978-3-497-02638-8