Most Wanted – Die Suche nach der Wahrheit

Geschrieben von Malena Schulte-Spechtel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 31. Januar 2017 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2017/01/most-wanted-die-suche-nach-der-wahrheit/>
Abgerufen am 21. Mai 2018 um 05:26 Uhr

Wir sind überzeugt, es gibt sie! Irgendwo hat sie sich versteckt und wenn wir nur gut genug suchen, werden wir sie finden und erlegen, „die Wahrheit“. Während verschiedenste Erkenntnistheorien und philosophische Strömungen sich seit Jahrtausenden damit auseinandersetzten und zu ergründen suchen, ob es überhaupt eine Wahrheit gibt und auf welchem Wege man diese erreichen kann, scheint die Suche in unserer Alltagswelt auf den ersten Blick wesentlich einfacher. So lernen wir schon von frühster Kindheit an, dass Wahrheit ein hohes Gut ist und man sie einfach nur aussprechen muss. Wer kennt ihn nicht, den mahnenden Spruch „wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er doch die Wahrheit spricht“. Dabei wird aber auch deutlich, dass „Wahrheit“ und „Glaube“ unmittelbar verknüpft sind, denn erst, wenn Menschen „die“ Wahrheit hören und ihr Glauben schenken, kann die Wahrheit ihre Macht entfalten. Denn, sind wir doch mal ehrlich, darum geht es doch in den meisten Diskussionen um Wahrheit: Macht und Entmachten. Wer die Wahrheit sagt, hat Recht, wer lügt Unrecht. Soweit so gut, soweit so einfach.
In unserer Gesellschaft gibt es verschiedene Institutionen und Organisationen, die die Wahrheit(sfindung) für sich beanspruchen: Wissenschaft, Politik, Regierungen, Presse, Nicht-Regierungsorganisationen, Interessenvertreter*innen und viele mehr. Denn mit dem „Besitz“ „der“ Wahrheit geht ein gewisses Legitimationsrecht, eine Definitionshoheit einher und diese wiederum verschaffen Macht über die, die die Wahrheit glauben. Und, sind wir doch mal ehrlich, meistens bleibt uns nichts anderes übrig, als irgendjemandem zu glauben, denn alles, was wir hören,  bis ins letzte zu überprüfen ist wohl unmöglich.
Um zu erreichen, dass Andere einem Glauben schenken, wird nicht nur für die (eigene) Wahrheit argumentiert, sondern auch gerne Gegner*innen in Misskredit gebracht. Ein Spielfeld, auf dem oft und freudig um die Wahrheit gerungen wird, ist das der Medien. Es ist schon lange nicht mehr so (wenn es überhaupt jemals so war), dass die Medien als „vierte Gewalt“ diejenigen sind, die uns als Unabhängige mit sachlichen Informationen versorgen, aufklären und Unwahrheiten in Politik und Wirtschaft aufdecken. Man begnügt sich nicht mehr damit, auf Berichte mit einen Gegendarstellung zu reagieren. Es scheint in den letzten Jahren in Mode gekommen zu sein, die Medien als solche der Verbreitung von Unwahrheiten zu bezichtigen. In diesem Kontext werden einige an die PEGIDA-Demonstrationen und die Ausrufe „Lügenpresse!“ denken müssen. Dies ging so weit, dass die Sprachkritische Aktion diesen Begriff zum „Unwort des Jahres“ 2014 kürte. In der entsprechenden Pressemitteilung (http://www NULL.unwortdesjahres NULL.net/fileadmin/unwort/download/pressemitteilung_unwort2014 NULL.pdf) erklären sie, dass dies bereits im „Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff [war] und (…) auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien [diente]“.

Es ist klar, dass „die“ Medien kein Patent auf „die“ Wahrheit haben und nicht erwartet wird, dass die Menschen alles glauben, was berichtet wird. Ganz im Gegenteil, heute, da sich die Formen der medialen Kommunikation verändert haben und praktisch jede*r online zum/ zur Nachrichten-Produzent*in werden kann, ist es um so wichtiger geworden auch einen kritischen Blick auf Informationen zu werfen. Denn um Gegner*innen zu diskreditieren wird nicht nur der Wahrheitsgehalt ihrer Äußerungen angezweifelt, zum Teil werden gezielt Falschmeldungen, die sogenannte „Fake News“, verbreitet. Dies geht soweit, dass die Union laut Spiegel online (http://www NULL.spiegel NULL.de/netzwelt/netzpolitik/fake-news-union-will-facebook-zur-richtigstellung-verpflichten-a-1131319 NULL.html) vor hat Soziale Medien dazu zu verpflichten Nutzer*innen über “Fake News” zu informieren und gegebenenfalls eine Richtigstellung anzuzeigen. Klar ist, welche Regelungen zum Umgang mit Falschinformationen in Social Media auch immer getroffen werden, letztendlich dürfen wir als Rezipierende und Weiterverteilend (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2016/04/denn-sie-wissen-nicht-was-sie-teilen/)e nicht unseren Kopf ausschalten, sondern müssen einen kritischen Blick darauf werfen.

Im Zuge des US-Wahlkampfes wurde nicht nur das Thema „Fake News“ diskutiert. Ein neuer „Trend“ kam auf, der auch prompt im „Wort des Jahres“ 2016 gipfelte: „postfaktisch“. Dies bezieht sich darauf, dass nicht mehr Tatsachen, sondern Gefühle zählen. Obwohl es sich nicht leugnen lässt, dass jeder Mensch seine eigene subjektive Wahrnehmung hat und diese auch seine Realität bestimmt, so bedeutet das jedoch nicht, dass beispielsweise eine empfundene Bedrohung auch tatsächlich bestehen muss. Da jedoch etwas zu empfinden in einer Diskussion nicht so viel Gewicht hat, wie etwas (mit vorzugsweise Zahlen) belegen zu können, müssen wir zu „den“ Fakten zurück kehren. Menschen tendieren dazu, Informationen, so aufzunehmen, dass sie ihre eigenen Ansichten und Theorien bestätigen und nicht dazu passendes abzulehnen. Neuer Champion in dieser Disziplin scheint das Team um den neuen US-Präsidenten werden zu wollen. So führte dessen Beraterin kurzerhand die „alternativen Fakten“ ein. Die Tagesschau berichtete:

 

Es wird schon fast verzweifelt darum gerungen, wer die Wahrheit für sich beanspruchen darf, wer über die „echten Fakten“ verfügt und wie man mit „falschen Fakten“ umgeht. Dabei scheint in den Hintergrund zu treten, dass es „die absolute Wahrheit“, die wir manchmal gerne hätten, wohl nicht gibt. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass Daten und Fakten nicht einfach so existieren, sondern wir Menschen diese zum einen anhand von uns definierter Kriterien erheben und sammeln. Zum anderen ist – auch wenn sich per Definition Fakten nicht leugnen lassen – das, was wir daraus schlussfolgern immer eine Interpretation.

Dessen sollten wir uns im politischen Diskurs als Bürgerinnen und Bürger, aber auch als private Rezipierende bewusst sein. Um nicht zum Spielball widerstreitender Mächte zu werden, müssen wir kritisch bleiben, unsere Medienkompetenzen schulen, tiefer gehenden Informationen und Transparenz einfordern sowie andere zur kritischen Rezeption und Reflexion anregen. Wir werden sie vielleicht nicht finden, „die Wahrheit“, aber wir können zumindest offen für sie bleiben und uns ihr annähern.

 

Ein paar Interessante Links zum Thema:

  • Videostellungnahmen von Journalist*innen (https://www NULL.lügenpresse NULL.de/)zum Vorwurf der „Lügenpresse“
  • EU vs. Disinformation (https://euvsdisinfo NULL.eu/)“, eine Seite, auf der Falschinformationen gesammelt und dekonstruiert werden.
  • Mimikama (http://www NULL.mimikama NULL.at/wer-und-was-ist-mimikama/) – Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch. Und ein paar Tipps von ihnen zum Enttarnen von Falschmeldungen (http://www NULL.mimikama NULL.at/allgemein/fake-news-erkennen/).