“Wir sind hier das Opfer!”

Geschrieben von Malena Schulte-Spechtel (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 28. Februar 2017 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2017/02/wir-sind-hier-das-opfer/>
Abgerufen am 23. September 2018 um 07:32 Uhr

Zur Logik von Täter-Opfer-Konstruktionen in der Demokratie

Über „Täter“ und „Opfer“ in der Demokratie diskutierten interessierte Bürger und Bürgerinnen vergangenen Samstag im Bayerischen Landtag. „Opfer“ und „Täter“ lassen erst einmal an Kriminalität und (Gewalt-)Verbrechen denken. Doch was hat das mit Demokratie zu tun?
Anders als man vermuten könnte, ging es bei der Tagung am 25.2. nicht um Kriminalstatistiken in Deutschland, sondern unter anderem um die Flüchtlingsthematik und Politikverdrossenheit. Themen an denen eine Tendenz, die sich auch heute in unserer Gesellschaft zeigt, deutlich wird: Konflikte, in denen sich beide Seiten als diskriminiertes „Opfer“ der jeweils anderen Partei empfinden und das Gefühl haben sich gegen den „Täter“ verteidigen zu müssen. Man denke beispielsweise an den Streit zwischen PEGIDA (und Co.) und den Bürger*innen, die eine Willkommenskultur postulieren. Oder Bürger*innen, die sich ohnmächtig gegenüber den Politiker*innen „da oben“ fühlen, während Politiker*innen das Gefühl haben von Bürger*innen pauschal verunglimpft zu werden.

Das Gesellschaftswissenschaftliche Institut München für Zukunftsfragen (http://www NULL.gimuenchen NULL.de/)(GIM), die Akademie Führung und Kompetenz am Centrum für angewandte Politikforschung München (http://www NULL.cap-lmu NULL.de/) (CAP) sowie das Netzwerk Politische Bildung Bayern (http://www NULL.politische-bildung-bayern NULL.net/) beschäftigten sich mit diesem Phänomen und luden zu der Tagung im Bayerischen Landtag ein.
Aber kann man mit den genannten Begriffen (Opfer, Täter) überhaupt politische Phänomene beschreiben? Gibt es wirklich Täter und Opfer in der Demokratie? Wo dient die Täter-Opfer-Inszenierung als Mittel in der politischen Auseinandersetzung und welche Gefahren liegen darin? Und nicht zu Letzt, wie kann politische Bildung darauf reagieren?
Um diesen Fragen nachzugehen, fanden an diesem Nachmittag verschiedene Vorträge und Workshops statt. Im Folgenden soll ein kurzer Einblick in einige der vorgetragenen Themen gegeben und die prägnantesten Eindrücke geschildert werden.

Dilemmata in der Migrationsgesellschaft (Dr. habil. Karin B. Schnebel)
Karin Schnebel beschäftigt sich mit Spannungsfeldern in der Migrationsgesellschaft. Zum Einstieg gab sie einen kurzen Überblick über verschiedene Migrationsphasen seit den 1950er Jahren in Deutschland. Dabei wurde deutlich, wie sich die Einstellung zu Migranten veränderte von Gastarbeitern, die nur kurz bleiben sollten, bis zum Gedanken Geflüchtete in unsere Gesellschaft zu integrieren. In diesem Kontext stellt sich die Frage: Welche Voraussetzung braucht es für Integration?

Eine Rolle dabei spielt die Anerkennung von anderen Kulturen in der „Mehrheitsgesellschaft“. Denn, wird diese verweigert und kann nur im eigenen Kulturkreis gefunden werden, können exkludierte „Parallelgesellschaften“ entstehen. Ebenso kann „zu viel“ Anerkennung im Sinne von Selbstbestimmungsrechten aber auch zur Exklusion führen. Als Beispiel stelle man sich eine Schule vor, auf der Jugendliche in ihrer Muttersprache unterrichtet werden und in dieser ihr Abitur schreiben. Für ihren weiteren (Aus-)Bildungsweg kann sich dies aber nachteilig auswirken, so dass sie letztendlich aus Teilbereichen der Gesellschaft wieder ausgeschlossen sind.

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Dr. habil. Karin Schnebel bei ihrem Vortrag zum Thema “Dilemmata in der Migrationsgesellschaft”

So wurde schnell deutlich, dass man beim Thema Integration schnell in ein Dilemma kommt. Und diese Dilemmata lassen sich nicht einfach auflösen, müssen aber erkannt und diskutiert werden. Einig waren sich die Teilnehmenden in der anschließenden Diskussion darin, dass es eine für alle in der Gesellschaft gültige Wert-/ Rechtsgrundlage, wie das Grundgesetz, brauche und es keine „Sonderrechte“ geben solle, da „Sonder“ Gefahr laufe neue Minderheiten zu konstruieren.

Wie Opfer zu Tätern werden (Ekaterina Zeiler, M. A.)
Ekaterina Zeiler beschäftigte sich mit dem NSU und dem Werdegang der Mitglieder. Dabei ging es um die Frage: Wie werden Menschen, die in gewisser Weise „Opfer“ von Marginalisierungs- und Ausgrenzungsprozessen sind, zu rechtsextremen Gewalttätern?
Eine Theorie, die zur Erklärung von Phänomenen wie Fremdenfeindlichkeit oder Rechtsextremismus herangezogen wird, ist die Desintegrationstheorie nach Wilhelm Heitmeyer. Aufs Einfachste heruntergebrochen geht diese davon aus, dass „Opfer“ der modernen Gesellschaft/ „Modernisierungsverlierer“ durch mangelnde Teilhabe an gesellschaftlichen Teilsystemen (z.B. Bildung, Erwerbsarbeit) „Täter“ werden, auf der Suche nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Dabei wird die Konstruktion von „Wir gegen Sie“ zum Merkmal der Identitätsbildung.

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Ekaterina Zeiler, M. A. bei ihrem Vortrag zum Thema “Wie aus Opfern Täter werden”

Natürlich blieb der Vortrag nicht ohne Diskussion, dabei kam die Frage auf, inwieweit sich Beate Zschäpe, Uwe Böhnhard und Uwe Mundlos selbst als Opfer bezeichneten, oder ob dies eigentlich nur unsere Vermutung sei. Auch blieb die Frage, was letztlich den einen Menschen dazu bringt gewalttätig zu werden während ein anderer mit ähnlichen Ausgrenzungserlebnissen dies nicht tut offen. Dennoch zeigt die Desintegrationstheorie, dass wir Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus nicht hilflos gegenüberstehen, sondern es die Möglichkeit und Pflicht gibt präventiv tätig zu werden.

Politik Wagen – Ein Argumentationstraining (Dr. Christian Boeser-Schnebel)
Die wollen sich doch gar nicht integrieren!“ – „Die da oben machen doch, was sie wollen
Platte, plakative Sprüche und Schuldzuweisungen, etwas das in der Täter-Opfer Zuschreibung/ Diskussion immer wieder auftaucht: die sogenannten Stammtischparolen. Dr. Boeser-Schnebel betonte, es gäbe keine pauschale Argumentationslösung gegen Stammtischparolen. Vielmehr seien mehrere Aspekte wichtig:

  1. Den Kreislauf von Schuldzuschreibungen durchbrechen und Wechselwirkungen darin erkennen. Das heißt wird man mit einer Stammtischparole konfrontiert nach Ursachen fragen und Wechselwirkungen suchen.
  2. Das Denken in Dilemmata. Dabei ist das so genante Werte- und Entwicklungsquadrat hilfreich. Dies zielt darauf ab, bestimmte Werte, ihre Spannungsfelder und Übersteigerungen zu erkennen. So ergibt sich eine Spannung aus dem Bild des „barmherzigen Samariter“ und dem Gedanke„an die eigenen Leute denken“. Übersteigert können diese umschlagen in Gedanken wie „für ‘die’ ist auf einmal Geld da“ und „Hartherzigkeit gegenüber Fremden“So ist eine weitere mögliche Strategie bei Stammtischparolen nach diesen Spannungsfeldern zu fragen aber auch die Dilemmata aushalten zu können.
  3. Auch auf sich selbst schauen, was ist meine Haltung zu der Stammtischparole, was will ich bei meinem Gegenübererreichen. So gilt es auch hier (im Sinne des Werte- und Entwicklungsquadrats) eine Balance zu finden zwischen Offenheit für die Ansichten meines Gegenübers und meiner eigenen klaren Meinung. Damit dies gelingt, braucht es aber eine gewisse Distanz von den eigenen Emotionen in der Diskussion.
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Dr. Christian Boeser-Schnebel mit drei Empfehlungen zum Umgang mit Stammtischparolen

Detailliertere und umfassendere Ausführungen zu dem Argumentationstraining gegen Stammtischparolen sind in dem gleichnamigen Buch „Politik Wagen“ von Christian Boeser-Schnebel zu finden.

Parallel zu den genannten Vorträgen gab es noch die Präsentationen „Mehr als Demokratie“ von Florian Wenzel, M. A., „Verschwörungstheoretisches Denken und die Lizenz zum Töten in der Konkurrenzdemokratie“ von Dr. phil. Peter Seyferth und „Institutioneller Rassismus in Deutschland?“ von Christian Rehbein. Die Veranstaltung wurde abgerundet von einer Podiumsdiskussion mit MdL Robert Brannenkämper (CSU), Münchens Oberbürgermeister a.D. Christian Ude (SPD) und Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld (CAP).