Dürfen wir noch schweigen?

Geschrieben von Julia Poweleit (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. März 2017 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2017/03/duerfen-wir-noch-schweigen/>
Abgerufen am 23. September 2018 um 07:31 Uhr

Das ganze Leben scheint wie eine Abstimmung. Es gibt drei Möglichkeiten: ich stimme zu, ich lehne ab oder ich enthalte mich.

Jede*r von uns hat viele Themen zu denen sie*er eine klare Position einnimmt, also zustimmt oder ablehnt. Jede*r von uns hat aber auch viele Themen, bei denen sie*er sich enthält, und das aus verschiedenen Gründen.

Sei es, weil es einen nichts angeht oder es einen nicht interessiert. Sei es, weil man vermeintlich nicht so gut informiert ist, dass man meine, man könne etwas dazu sagen oder sei es, dass man einfach keine Meinung dazu hat.

Jede Abstimmung bietet einem diese Möglichkeiten, doch die Gesellschaft akzeptiert das oft nicht. “Du musst doch auch was dazu sagen” oder “Wie kann man denn dazu keine Meinung haben?” sind uns “Schweigenden” oft bekannte Vorwürfe.

Ist es also legitim zu schweigen? Dürfen wir noch schweigen dürfen?

Das Problem mit der eigenen Meinung

Täglich versuche ich mir einen Überblick über unsere jetzige Situation zu verschaffen, doch es ist schlichtweg zu komplex, um jeden Aspekt in jedem Bereich ausreichend zu beleuchten, so dass ich mir darüber eine Meinung bilden kann und erfolgreich einem Gespräch standhalten kann. Immer, wenn ich meine, jetzt hab ich es geschafft und bin gewappnet für ein Gespräch wird mir ein neuer Aspekt entgegengeschleudert, denn ich entweder noch gar nicht bedacht hatte oder von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Grundsätzlich versuche ich niemandem etwas zu glauben, so lange ich es nicht selbst überprüft habe – die Wahrheit zu finden ist leider auch nicht so leicht, wie es vielleicht früher war. Was ist denn schon  noch “wahr”? (http://www NULL.politische-bildung-schwaben NULL.net/2017/01/most-wanted-die-suche-nach-der-wahrheit/)

Die zwei Seiten unseres Landes

Schaue ich die Nachrichten, so bin ich hin- und hergerissen. Es scheint, als sei unser Land gespalten:

Es gibt die eine Seite, die Angst vor etwas Fremdem hat, – so große Angst, dass sie versucht sich mit allen Mitteln dagegen zu wehren. Dies kann auf rechtsstaatlichem Weg durch die Gründung neuer Organisationen, Demonstrationen oder das Verabschieden neuer Gesetze oder auf radikalem Weg durch Pöbeleien, Gewaltangriffe und sogar das Abrennen ganzer Gebäude geschehen.

Außerdem gibt die andere Seite, die offensiv und positiv mit den Veränderungen umgeht und so manch schöne Momente in den interkulturellen Kontakten findet.

Diese beiden Seiten finden nicht mehr zueinander, die Grenzen sind verhärtet. Es geht in den Diskussionen oft nur noch um Begriffe. Leitkultur, Obergrenze, Gastrecht – Wörter, um dessen Zustimmung oder Ablehnung gerungen wird, die jedoch nicht mehr mit Inhalt gefüllt werden. Absolute Wörter, zu denen man nur Ja oder Nein sagen kann, die die Kommunikation nicht anregen, sondern totschlagen.

Was  uns noch zusammenhält

Doch diese zwei Fraktionen agieren nicht alleine in unserer Gesellschaft, es gibt noch mehr. Man hört nicht viel von ihr, denn sie reißt sich nicht darum, ihre Meinung in aller Öffentlichkeit Kund zu tun und doch, wenn man aufmerksam sein Umfeld betrachtet, findet man sie überall: die schweigende Mehrheit.

Es sind die Vielen, die sich vorgeblich enthalten, diejenigen, die sich nicht in diese Worthülsendiskussion einmischen wollen und die, die keinen Raum für kritische Argumente finden können, ohne Gefahr zu laufen auf eine der beiden Seiten geschoben und gezogen zu werden.

Schweigende werden häufig weder wahr- noch ernst genommen und nur zu gern vergessen. Oft wird Ihnen das negativ-besetzte Mitläufertum zugeschoben. Meistens jedoch entflammt großes Unverständnis gegenüber ihnen.

Doch Schweigende können die Diskussion auch entschärfen, sie können andere Perspektiven eröffnen und schließlich helfen sie auch dabei, nicht immer über ein- und dasselbe zu reden.

Schweigen oder nicht schweigen?

Schweigen ist erlaubt und „die Schweigenden“ bilden die Mehrheit in unserer Gesellschaft. Sie sind der Kitt, der uns zusammenhält. Wir brauchen sie, ja sind sogar auf sie angewiesen, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren und uns in eine Richtung zu verlieren.

Manche könnten sich sogar ein Beispiel an ihr nehmen und sich fragen, ob jeder ihrer Gedankengänge tatsächlich in der Öffentlichkeit präsentiert und abgehandelt werden muss.

Doch jeder einzelne der Schweigenden muss sich immer bewusst sein, dass er*sie den Moment, an dem man nicht mehr schweigen kann, verpassen könnte. Wenn die Menschenrechte in Gefahr sind und unser Grundgesetz verletzt wird, muss sich auch der Schweigende entscheiden, in welche Richtung er gehen will.

Ich rufe alle Schweigenden auf, aufmerksam zu sein und sich aller Beweggründe für das Schweigen zum Trotz, dort einzumischen, wo es unsere Aufgabe ist zu entschärfen und zu helfen. Ich rufe dazu auf, das Geschehen zu verfolgen und das Schweigen zu brechen, bevor es zu spät wird, denn auch das Schweigen kann einen Menschen zum Täter machen.