Die Bürger von morgen

Geschrieben von Omar Abdelkader (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 30. November 2017 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2017/11/2955/>
Abgerufen am 22. Juni 2018 um 11:06 Uhr

Die International Civic and Citizenship Education Study (ICCS) von 2016 zeigt auf, inwieweit Jugendliche in der Schule auf ihre Rolle als Bürger*innen in Demokratien vorbereitet werden. “Politisches Wissen ist eine Frage des Elternhauses.” So lautet das Fazit der ICCS von 2016.

Im Jahre 1971 wurde die Studie vom Verband International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) das erste Mal mit zehn Ländern weltweit durchgeführt.

An der ICCS 2016 waren 24 Bildungssysteme beteiligt, darunter 14 aus Mitgliedsstaaten der EU und Norwegen, die als europäische Vergleichsgruppe ausgewählt wurden, um die Ergebnisse für Nordrhein-Westfalen in einen internationalen Kontext zu stellen und eine vergleichende Perspektive zu ermöglichen.

Der nationale Bericht zu ICCS 2016 stellt folgende Fragen in den Mittelpunkt:

  • Über welche Fähigkeiten zur Analyse des politischen Geschehens verfügen Schüler*innen im internationalen Vergleich?
  • Welche für Bürgerschaft relevanten Einstellungen, Identitäten und Partizipationsabsichten zeigen 14-Jährige?
  • Welche Voraussetzungen sind innerhalb und außerhalb der Schule für zivilgesellschaftliche und politische Bildung bedeutsam?

Die Daten wurden anhand einer stratifizierten Zufallsstichprobe (1451 Schüler*innen) gewonnen, gewichtet und ausgewertet. Auf dieser Grundlage werden repräsentative Aussagen über die gesamte Population 14-jähriger Schüler*innen in Nordrhein-Westfalen getroffen.

Die Ergebnisse zeigen v.a, dass im weltweiten Vergleich zum Gesamtmittelwert aller Teilnahmeländer unterscheiden sich die Schüler*innen in NRW nicht signifikant.

Außerdem stellt die Studie fest, dass die Schüler*innen in NRW eine breite Leistungsstreuung aufweisen. Schüler*innen, deren Eltern über wenig kulturelles Kapital (Bildungsressourcen)verfügen, schneiden im Wissenstest deutlich schlechter ab als vergleichbare Schüler*innen in anderen europäischen Ländern.

Einige ernüchternde Ergebnisse aus der Studie zeigen, dass die Schüler*innen in NRW den staatlichen und politischen Institutionen wie den Gerichten, der Polizei und Parteien deutlich mehr vertrauen als Schüler*innen der europäischen Vergleichsländer. Dieser Vorsprung Jugendlicher aus NRW findet sich jedoch nicht für das Vertrauen in europäische Institutionen oder das Schulsystem.

Wichtige politische Themen für die Teilnehmer*innen sind Umweltprobleme, Klimawandel und Terrorismus.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 19.11.2017 über die ICCS 2016 erklärt der Erziehungswissenschaftler Hermann Josef Abs auf die Frage, ob denn eine politisch faule Generation auf uns zu komme, dass zum einen die Jugendlichen für sich eine positive wirtschaftliche Zukunft erwarten würden und sich aktiv für das finanzielle Wohl der eigenen Familie einsetzen wollen. Zum anderen würden sie staatlichen Institutionen wie Gerichten, Polizei und Parteien deutlich mehr als ihre Altersgenossen im übrigen Europa vertrauen. Das würde bedeuten, dass man sich unter solchen Bedingungen politisch eher zurücknehmen wolle.

Welche Rolle spielt dabei die Schule?

Zielpopulation der ICCS 2016 waren Schüler*innen der achten Jahrgangsstufe von 59 Schulen sämtlicher Schularten, Lehrpersonen, die in der achten Jahrgangsstufe unterrichten und Schulleitungen der teilnehmenden Schulen. Anders als zum Beispiel in Schweden, wo das Schulsystem Basiskompetenzen absichert, ist das Gesamtniveau des Wissens höher, selbst bei Schüler*innen aus nicht so starken Elternhäusern.

In der vertiefenden Betrachtung der Ergebnisse für Nordrhein-Westfalen zeigen sich zudem verheerende Unterschiede im politischen Wissen zwischen Schüler*innen auf Gymnasien und Schüler*innen, die andere Schulformen besuchen.

Um bessere Rahmenbedingungen für Schüler*innen zu schaffen, plädiert Hermann Josef dafür, dass an Schulen mehr Lehrer*innen mit fachlicher Qualifikation in allen Schularten benötigt werden, die Raum und Zeit dafür schaffen, dass in den Klassen politische Teilhabe und Diskussionen stattfinden und gefördert werden müssten: „Politikunterricht soll zeigen, wie man aktiv an der Demokratie teilnehmen kann. Gerade bei Schülern, die das von zu Hause nicht mitbekommen.“ Bis zur nächsten Studie die 2022 stattfinden wird sind immerhin noch fünf Jahre Zeit. Dazwischen sind in Deutschland auch noch viele Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen, auf die vor allem die Schulen die Bürger von Morgen vorbereiten können. Dafür braucht es auch Unterstützung seitens der Politik beim Thema Bildung durch finanzielle Förderung der Schulen, um die Rahmenbedingungen zu ermöglichen.