Politische Bildung – Geschichtsbewusstsein stärken!

Geschrieben von Nico Wunderle (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 28. Februar 2018 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2018/02/politische-bildung-geschichtsbewusstsein-staerken/>
Abgerufen am 21. Mai 2018 um 05:21 Uhr

Wir leben in Deutschland im Jahr 2018. Seit über fünf Monaten gibt es nur eine geschäftsführende Regierung, die kommissarisch die Geschicke leitet. Beim Blick in die Tagesnachrichten wird klar, dass es höchstwahrscheinlich nicht mehr lange dauern wird, bis die nächste Regierung ihre Arbeit antritt. Derzeit finden die Koalitionsverhandlungen statt und es wird in einer Woche versucht, die Grundsteine für die nächsten vier Jahre Regierungspolitik zu legen.  Zurzeit werden –  jeden Tag aufs Neue – richtungsweisende Entscheidungen getroffen, die den Kurs bis zum September 2021 markieren. Das geht uns alle etwas an! Trotzdem hat Politik keinen guten Ruf und gilt sogar als langweilig. Was passieren muss, dass  Politik wieder an Beliebtheit gewinnt? – Wir haben uns dazu Gedanken gemacht!

Steht schon Bildungsarbeit nicht unbedingt im Zentrum der Sozialen Arbeit, so gilt dies insbesondere für die politische Bildung. Das Feld der Politischen (Jugend- und Erwachsenen) Bildungsarbeit existiert zwar, bekommt aber oft nicht die Zuwendung, die es verdient.

Worauf kommt es denn dabei an?
Die wichtigste Voraussetzung, um sich für etwas zu interessieren, ist, es verstehen zu können.  Dafür ist notwendig, politische Vorgänge in einfacher und für alle verständlicher Sprache zu erläutern. Dabei ist entscheidend, dass die Politiker*innen dieselbe “Sprache” wie Bürger*innen  sprechen.  Erfahrungsgemäß ist es häufig jedoch so, dass die Politiker*innen dazu neigen, die Sachverhalte kompliziert zu erklären.

Was man vermitteln möchte, sollte ansprechend aufbereitet sein. Ein monotoner Expertenvortrag ist dabei nicht unbedingt die richtige Wahl. Stattdessen empfiehlt es sich, die Inhalte interaktiv anzubieten und  auf unterschiedliche Methoden zurückzugreifen. Ziel soll es dabei sein,  der Zielgruppe zu zeigen,  dass eine politische Entscheidung jeden betrifft oder zumindest betreffen kann. Wenn es die eigene Person tangiert, nimmt man es als bedeutsamer wahr. Angemessene Nutzung  von Social-Media erleichtert es sehr, Politik für alle verständlich zu machen. Im vergangenen Bundestagswahlkampf erschienen auf Youtube einige Videos, die politische Inhalte veranschaulichten,  Wahlprogramme zusammenfassten  und Teile des politischen Systems erläuterten. Dies ist also ein Weg, wie man Personen Politik “schmackhaft” machen kann.

Die Schule als für alle verpflichtende Bildungseinrichtung steht, wenn es um Politische Bildung geht, besonders in der Pflicht.  Besonders die Fächer Geschichte und Sozialkunde haben den Auftrag, eine Basis hinsichtlich des politischen und geschichtlichen Verständnisses aufzubauen.  Ein führender Bildungspolitiker in Deutschland spricht von einem um sich greifenden “Analphabetismus hinsichtlich der eigenen Geschichte” und setzt sich nachhaltig dafür ein, Geschichte als Unterrichtsfach nicht zu vernachlässigen. Weiter bezeichnet er das Schulfach Geschichte als “essenziell für die staatsbürgerliche Bildung”.  Es  ist für die kulturelle und individuelle Identitätsfindung unerlässlich. Wenn man es gut unterrichtet, schafft es die Fähigkeit, wichtige historische Entwicklungen im Kontext anderer Fächer einzuordnen und ist damit ein unverzichtbares Element der staatsbürgerlichen Bildung. Gleichzeitig bildet das Fach Geschichte  eine notwendige Voraussetzung  für die Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen. Gerade vor dem Hintergrund einer sich im Aufwind befindlichen Alternative für Deutschland (AfD) und den damit verbundenen populistischen Tendenzen, muss ein breites Wissen über die Grundlagen des politischen Systems in Deutschland gefördert werden. Genauso wichtig ist es, junge Menschen für andere Religionen und Kulturen zu sensibilisieren. Um die gesellschaftswissenschaftlichen Schulfächer noch stärker in diese Richtung zu verändern, muss auch bei der Lehrer*innenbildung angesetzt werden und die zeitgeschichtliche Bildung mehr in den Fokus gelangen. Ideen und Konzepte, wie die demokratisch-freiheitliche Grundordnung vermittelt werden kann, sollten zukünftig im Vordergrund stehen. Der deutsche Politikwissenschaftler Klaus Schroeder bringt das notwendige Vorgehen so auf den Punkt: “Bei jungen Leuten muss das Geschichtsbewusstsein geweckt werden!” Dass dies dringend notwendig ist, beweisen Statistiken, nach denen  Schülerinnen und Schüler nur sehr wenig über Ereignisse der deutschen Geschichte im letzten Jahrhundert wissen und sie diese dementsprechend eklatant falsch einschätzen.  Es klingt unvorstellbar, aber Statistiken zufolge nimmt jeder Vierte der befragten Schüler und Schülerinnen den Nationalsozialismus nicht als Diktatur wahr und hält ihn sogar für demokratisch legitimiert.

Diese geschichtliche Unwissenheit nehme ich als Alarmsignal für uns und unsere Gesellschaft wahr.

Wichtig ist es deshalb, Geschichte und Politik verständlich und erlebbar zu gestalten und jungen Menschen, das Gefühl der Mitbestimmung und der Beteiligung an politischen Prozessen zu vermitteln. Nur so kann es gelingen, junge Menschen für Politik zu begeistern!