Marihuana entkriminalisieren?

Geschrieben von Benedikt Finis (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 3. März 2018 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2018/03/marihuana-entkriminalisieren/>
Abgerufen am 21. Mai 2018 um 05:22 Uhr

Marihuana entkriminalisieren?

Nachdem der Bund der Kriminalbeamten das Verbot von Marihuana “historisch betrachtet willkürlich” und “weder intelligent noch zielführend” nannte, entfachte eine, über die Grenzen hinausgehende, Diskussion über das Verbot von Marihuana. Die Linke plant sogar mit einer Initiative das Cannabisverbot so schnell wie möglich zu beenden. Doch nicht nur die Linke spricht sich klar für ein Ende des Cannabisverbotes aus, auch andere Parteien, wie die FDP oder die Grünen, sind für eine Entkriminalisierung von Marihuana. So ist es nicht verwunderlich, dass sich auf gesellschaftlicher als auch auf politischer Ebene, verschiedene Stimmen mehren, welche fordern, in den Koalitionsvertrag von SPD, CDU und CSU eine Entkriminalisierung von Marihuana festzuschreiben. Die SPD als auch die CDU/ CSU stehen diesen Stimmen allerdings kritisch gegenüber.

Aber wieso wird überhaupt über die Entkriminalisierung einer Droge laut debattiert?

In Deutschland gibt es laut Experten ca. 4 Millionen Konsumenten von Cannabis. 13 Millionen Menschen der Bundesrepublik haben jemals im Leben Cannabis konsumiert, diese Zahl ist allerdings eine Minimalschätzung – rechnet man die Dunkelziffer mit ein, so kommt man auf 17 Millionen Menschen, welche Marihuana zumindestens einmal ausprobiert haben. Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass diese Zahl stetig und unkontrollierbar steigt. Aber nicht nur die Situation in Deutschland rechtfertigt eine Diskussion über diese Thematik, vielmehr ist als Grund die politische Lage in anderen Ländern zu benennen.

Legaler Umgang mit Marihuana

In vielen Bundesstaaten Amerikas ist Marihuana bereits legalisiert (nicht nur für medizinische Zwecke), in den Niederlanden gibt es bereits seit den 70er Jahren die weltberühmten “Coffe shops”, welche eine offiziele Verkaufsstelle von Marihuana sind. Aber auch in Tschechien wurde das Cannabisverbot durch eine moderneres Gesetzt derogiert. In Portugal wurde nicht nur das Cannabisverbot aufgehoben, es wurde jede Form von Drogenkonsum entkriminalisiert. Es gibt noch weitere Länder wie z.B. Kanada, in welchen ebenfalls kiffen erlaubt ist. Deutschland ist jedenfalls drogenpolitisch betrachtet, ein “konservatives Bollwerk”, welches sich dieser Entwicklung verweigert und diese weitestgehend ignoriert. Ein Widerspruch für ein Land, welches sich mit weltoffenheit profiliert.

Ein bestandloser Marihuana Hype?

Diese Entwicklung in den genannten Ländern ist möglich, weil es viele erhörte und anerkannte Argumente für eine Entkriminalisierung und für einen Umstieg auf Marihuana als Genussdroge gibt. Befürworter, wie der deutsche Hanfverband (https://hanfverband.de/ (https://hanfverband NULL.de/)) oder Harald Lesch1, nennen u.a. folgende Aspekte: Marihuanakonsum führt zu einem angenehmen Rausch, welcher (anders als bei Alkohol) kein Aggressionspotential hervorruft. Des Weiteren enthält die Substanz Cannabis keine gefährlichen Inhaltsstoffe. Auch wirkt Marihuana schmerzlindernd – ein interessanter Aspekt für Menschen, welche unter chronischen Schmerzen leiden.

Unabhängig davon, ist die Rauscherfahrung bei Marihuanakonsum eine andere als bei Alkohol, letzteres ist der Grund warum viele junge Leute (lt. Studie 17,7 Prozent der jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren) Marihuana als Genussmittel zumindestens ausprobiert haben. Betrachtet man diese gesamte Entwicklung und die Argumente der Befürworter, so lässt sich sagen, dass Marihuanakonsum sich nicht durch ein Verbot eindämmen lässt, dies belegen die oben genannten Zahlen eindrucksvoll!

1 Harald Lesch ist ein deutscher Astrophysiker, Naturphilosoph, Wissenschaftsjournalist, Fernsehmoderator und Hochschullehrer. Er ist Professor für Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München.

Eine absurde Szenerie in Deutschland

Die Tatsache, dass Konsumenten sich das Kiffen nicht verbieten lassen wollen, führt zu einer grotesken Szenerie: Von 302.594 registrierten Rauschgiftdelikten (im Jahr 2016) drehten sich 183.015 um Cannabis, also mehr als sechzig Prozent (Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik). Den Konsumenten drohen teils hohe Strafen, wie zum Beispiel Führerscheinentzug, Geldstrafen, gerichtliche Verfahren usw. Diese Strafen führen außerdem nicht selten zu einem Jobverlust der Betroffenen. An dieser Stelle ist anzumerken, dass aufgrund des hohen bürokratischen Aufwandes viele Verfahren eingestellt werden, mit der Begründung “Geringfügigkeit des Tatbestandes”.

Also weshalb Marihuanakonsum nicht einfach legalisieren?

Eine Legalisierung würde die Anzahl der Konsumenten nicht steigen lassen, wie repräsentative Studien aufzeigen. Des Weiteren würde durch eine Legalisierung der Staat das “Zepter in die Hand nehmen” und durch kontrollierten Anbau, ungestreckte (“strecken” und dessen Konsequenzen: http://www.drogen-info-berlin.de/htm/Streckmittel-thc.html) und gesundheitlich unbedenkliche Ware verkaufen können – er würde sogar durch Steuereinnahmen davon profitieren. Der Schwarzmarkt würde ausgetrocknet werden und das Jugendschutzgesetz könnte greifen. Chronischen Schmerzpatienten, welche in den seltensten Fällen Cannabis verschrieben bekommen, würde geholfen werden.

Trotzdem gibt es aussagekräftige Argumente gegen eine Legalisierung von Marihuana.

Psychosen, Lethargie, Konzentrationsschwächen, mafiöse Strukturen

In vielen politischen Diskussionen werden die Gefahren und Risiken als auch die Proargumente einer Legalisierung, nicht korrekt aufgeführt, dies führt zu einem verzerrten Bild: Cannabis als die “Allheilsdroge” oder als “das Teufelszeug”, welches “die Zukunft unserer Jugendlichen ruiniert”. Doch bei einer unvoreingenommenen und wissenschaftlicher Analyse sind folgende negative Aspekte zu benennen:

  • Studien und entsprechende Berichte belegen, dass Cannabis Psychosen bei einer Person mit entsprechender (genetischer) Veranlagung auslösen kann. Viele Betroffene wussten vor den Konsum oft nicht, dass sie z.B. Eine manisch-depressive Veranlagung haben. Diese latente (=verborgene) Veranlagung kann schon bei einmaligen Konsum zum Vorschein treten.
  • Des Weiteren ist bewiesen, dass vor allem bei Jugendlichen, Depressionen durch kiffen verstärkt und ausgelöst werden können. Auch hier muss eine gewisse genetische Veranlagung (z.B. eine depressive Veranlagung) mehr ausgeprägt sein – so sagen Wissenschaftler. Hauptgrund allerdings, so sind sich die Forscher einig, ist die sensible Entwicklungsphase des Gehirns. Diese Entwicklungsphase, welche bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch voll im Gange ist, macht diese besonders affin für negative und dauerhaften Konsequenzen.
  • Dauerkonsumenten berichten von einer Lethargie welche ihnen zu schaffen macht. Die Bewusstseinsstörung Lethargie ist nicht zu unterschätzen: Lethargie stimmt u.a. motivationslos und führt zu einer anhaltenden Müdigkeit. Diese beiden Faktoren erschweren es den Konsumenten den Alltag zu meistern. Das ist der Grund warum viele Konsumenten den Eindruck schildern, sie würden durch das Kiffen ihr Leben aus den Griff verlieren.
  • Viele Berichte und Studien beweisen, dass regelmäßiger Cannabiskonsum zu Konzentrationsschwächen führen kann. Auch hier spielt das Alter des Konsumenten eine entscheidende Rolle.
  • Unabhängig von den psychischen Folgen werden durch eine Legalisierung mafiöse Strukturen in den (Cannabis-)Anbaugebieten gefördert. Drogenkartelle, welche den Marihuanaanbau koordinieren und dominieren, würden durch eine Legalisierung stark profitieren. Es ist “von heute auf morgen” nicht möglich den “Marihuanabedarf” von Millionen Bürger*innen, durch staatlich kontrollierten Eigenanbau, zu befriedigen. Somit müsste Cannabis importiert werden.

Jede Droge birgt Risiken

Die Risiken eines unverantwortlichen Marihuanakonsums sind nicht zu unterschätzen, allerdings muss man berücksichtigen, dass unverantwortlicher und exzessiver Alkoholkonsum vergleichbare, wenn nicht sogar schlimmere (z.B. Tod durch Alkoholvergiftung), Folgen aufweisen kann. Jede Droge ist mit Vorsicht zu genießen – gleichgültig ob Alkohol, Cannabis oder LSD. Der Mediale-Hype einer jeden Droge ist falsch und befeuert falsches Verhalten, egal ob bei Alkohol oder bei Marihuana. Filme, Werbungen und sogar Musik verzerren das Bild der Substanzen. Opfer dieser Entwicklung sind dadurch am Ende immer die Menschen, welche wenig Einsichtsfähigkeit und mangelndes Wissen (in Bezug auf die Gefahren von Drogen) aufweisen. Leider sind diese oben genannten Menschen oft noch jung.

Den Menschen Eigenverantwortung zumuten

Es ist daher unverantwortlich und von absoluter Doppelmoral nur über die Gefahren einer Droge zu debattieren. Jede Droge und jeder Drogenkonsum birgt Gefahren. Deshalb sollte auch jeder Drogenkonsum und Missbrauch gleich bewertet und betrachtet werden z.B. ist Komasaufen nicht weniger schlimm als Herionkonsum, denn beides kann einen tödlichen Ausgang haben.

Die Aufgabe der Politik ist somit nicht eine repressive Drogenpolitik, sondern eine Drogenpolitik, welche den Menschen aufklärt und gegebenenfalls bei einem Entzug unterstützt. Am Ende muss immer der einzelne Mensch wissen, ob ihm eine Droge schadet oder nicht – insofern er in der Lage dazu ist. Deshalb sollte keine Drogenabgabe an Minderjährige möglich sein!

Fokus auf Rehabilitierung und Prävention statt auf Bestrafung

Die Strafverfolgung von Cannabisdelikten kostet dem deutschen Staat 2,1 Milliarden Euro jährlich. Wäre es nicht sinnvoller und humaner, das Geld anstatt in Bestrafung, in Drogenberatungsstellen zu investieren? Dies ist aber nur möglich, wenn es keiner Bestrafung des Tatbestandes bedarf. Dies würde nicht nur den Konsumenten helfen, sondern auch den für die Strafverfolgung zuständigen Behörden – sie würden in ihrer wichtigen Arbeit enorm entlastet werden.

Eine zum Scheitern verurteilte Drogenpolitik

Die bisherige Drogenpolitik diffamiert einen großen Teil der Bevölkerung als Verbrecher, mit der Konsequenz, dass die Behörden mit dieser Art der Politik völlig überfordert sind. Viele Konsumenten, welche bestraft wurden, verlieren oft erst durch die Bestrafung ihres Verhaltens ihr Leben aus dem Blickfeld. Nicht selten nehmen sie als Folge dessen, härtere Drogen um sich zu betäuben. Das Paradoxe daran ist, dass Marihuana dadurch zu einer Einstiegsdroge für deutliche härtere Drogen wird. Der Schweregrad der Bestrafung in Relation zur Thematik betrachtet ist irrational. Drei von Sieben Parteien, welche im deutschen Bundestag vertreten sind, plädieren deshalb einstimmig für eine neue Form der Drogenpolitik. Auch Millionen von Konsumenten und der Bund der Kriminalbeamten, hoffen auf eine bessere, modernere und rational fundierte Gesetzeslage. Ob nun eine Legalisierung, eine Entkriminalisierung oder ein moderneres Drogengesetz (z.B. eine Erhöhung des legalen Eigenbedarfes) kommt, ist unwesentlich.

Es muss aber ein Ende nehmen, Millionen von Bürgern die Zukunft durch harte Strafen zu verbauen. Es ist an der höchsten Zeit, diese zum scheitern verurteilte Drogenpolitik zu reformieren.