Die Fuggerei in Augsburg – eine Vorstellung der ältesten Sozialsiedlung der Welt

Geschrieben von Andreas Käser (Netzwerk Politische Bildung Schwaben)
Veröffentlicht am 26. April 2018 unter <https://www.politische-bildung-schwaben.net/2018/04/die-fuggerei-in-augsburg-eine-vorstellung-der-aeltesten-sozialsiedlung-der-welt/>
Abgerufen am 18. November 2018 um 03:42 Uhr

Frau Thoma (66) wohnt in der beliebten bayerischen Stadt Augsburg und fühlt sich in ihrer Umgebung sichtlich wohl. Ihre Wohnung ist liebevoll und gemütlich eingerichtet. Im hellen Wohn- und Esszimmer sowie im ruhig gelegenen Schlafzimmer hält sich die Augsburgerin gerne auf. Das Zuhause von Frau Thoma liegt geografisch günstig zu ihrem Freundes- und Familienkreis. Auch zu ihrer unmittelbaren Nachbarschaft besteht ein hilfsbereites und freundschaftliches Verhältnis. Ist eine solche Wohnung in Zeiten von Wohnungsknappheit und steigenden Mieten nicht unbezahlbar? Nein, denn die Fuggersche Stiftungen ermöglichen ein Wohnen für eine Kaltmiete von 0,88 Euro im Jahr.

Was ist die Fuggerei eigentlich?

Die Reihenhaussiedlung im Herzen Augsburgs ist die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt. In den 140 Wohnungen und 67 Häuser leben bedürftige katholische Bürger*innen aus Augsburg für eine Jahreskaltmiete von 88 Cent. Außerdem erbringen die Mieter*innen als Gegenleistung täglich drei Gebete für den Gründer der Fuggerei und seine Familie. Die Wohnsiedlung wurde 1521 von Jakob Fugger gestiftet. Bis heute wird die Fuggerei aus dem Vermögen der Stiftung finanziert. Aktuell leben etwa 150 Personen in den Wohnungen.

Wie entwickelte sich die Sozialsiedlung und wer war Jakob Fugger?

Jakob Fugger „von der Lilie“ (auch „der Reiche“ genannt) wurde 1459 in Augsburg geboren und war zwischen 1495 und 1525 der bedeutendste Bankier, Kaufmann und Bergwerksunternehmer in Europa. Er entstamme aus der Handelsfamilie Fugger und baute die Familienfirma zu einem europaweit tätigen Unternehmen aus. Von 1507 bis 1511 stieg die Familie Fugger in den Adel auf.

Jakob Fugger gründete 1521 die Sozialsiedlung für unverschuldet in Armut geratene Augsburger*innen. An allen Bedingungen hat sich bis heute nichts verändert. Die Bedürftigen können in der Fuggerei für einen rheinischen Gulden (umgerechnet 0,88 Euro) Jahresmiete leben. Die Aufnahmekriterien sind die Bedürftigkeit, mehrere Jahre wohnhaft in Augsburg und der katholische Glaube. Zur Miete gehören ebenfalls drei Gebete (Ave Maria, Vaterunser, Glaubensbekenntnis) die für Jakob Fugger und die Stifterfamilie täglich gebetet werden müssen.

Die Entscheidungen innerhalb der Fuggerei trifft das Fürstlich und Gräflich Fuggersche Familienseniorat als Aufsichtsgremium der Fuggerschen Stiftungs-Administration. Die Siedlung wurde im 30-jährigen Krieg und im 2. Weltkrieg zerstört und jeweils wieder in den historischen Zustand aufgebaut. Mit der ursprünglichen Erbauung entstanden 52 Wohnungen. Jedoch gab es im Laufe der Zeit Erweiterungen. Heute gibt es 140 Sozialwohnungen.

Die Fuggerei heute

An den Bedingungen und Kriterien hat sich bis heute nichts verändert. Die Miete beträgt nach wie vor den nominellen Wert eines rheinischen Gulden. Die Nebenkosten in Höhe von 85 Euro werden von den Mietern*innen bezahlt. Die meisten Wohnungen haben etwa 60 Quadratmeter, einen eigenen Eingang und meistens entweder einen dazugehörenden Garten oder einen Speicher.

Die Fuggersiedlung kann als „Stadt in der Stadt“ beschrieben werden. Sie wird umgeben von Stadtmauern und mehreren Stadttoren. Finanziert wird die Fuggerei vor allem aus der Forstwirtschaft. Ab 2006 kam der Tourismus als neue Einnahmequelle hinzu. Die Besucher können während des Tages die Sehenswürdigkeiten der Siedlung besichtigen. Dazu gehören beispielsweise die Schauwohnungen, der Weltkriegsbunker, ein Museum und die St.-Markus-Kirche.

Wie ist ist das Leben in der Fuggerei?

Frau Thoma beschreibt in diesem Zusammenhang, dass ab 22 Uhr Abends die Tore zur Fuggerei geschlossen sind. Bei einer späteren Heimkehr müssen 50 Cent (zwischen 22-24 Uhr) bzw. ein Euro (ab 24) an den Nachtwächter-Dienst bezahlt werden. „Diesen Dienst übernehmen die Fuggerei-Bewohner immer abwechselnd und ab 5 Uhr morgens sind die Tore wieder auf“, so die 66-jährige.

„Ich bin sehr glücklich hier wohnen zu können und fühle mich sicher. Seit meinem Einzug vor sechs Jahren bin ich mit dem Gesamtpaket in der Fuggerei sehr zufrieden“, erwähnte Frau Thoma. Außerdem schätzt sie die Nähe zu dem direkt an ihre Wohnung angrenzenden Biergarten und die damit verbundenen Kontakte die sie knüpfen und pflegen kann. Weiter erzählt sie: „In der Fuggerei gibt es eine hohe Hilfsbereitschaft, man kennt sich und es gibt viele persönliche Gespräche“.

Für die Fuggerei-Bewohner*innen gibt es seit zwei Jahren einen Fuggerei-Treff. Dort finden die unterschiedlichsten Angebote statt. „Jeden Dienstag kommen im Durchschnitt 20-25 Personen in den Treff“, so Frau Thoma. Allerdings seien dies immer freiwillige Angebote. Das Leben innerhalb den Stadtmauern ist also geprägt von einer aktiv gelebten Gemeinschaft, den alltäglichen Nachbarschaftskontakten und von zahlreichen Touristen. Frau Thoma meint dazu: „Ich freue mich über die vielen Besucher, sie sind meistens sehr interessiert an unserer Fuggerei.“

Kann die Fuggerei eine Antwort auf die heutige Wohnungsproblematik sein?

In der Fuggersiedlung leben aktuell etwa 150 bedürftige Menschen. Die Zahl der neuen Bewerber*innen übersteigt die Zahl der zur Verfügung stehenden Wohnungen. Deshalb gibt es auch eine Warteliste. Zudem ist die Zahl der Personen, die in Augsburg in Armut leben und ein Wohnungsproblem haben wesentlich höher. Außerdem sind viele Menschen (z.B. andere Religionen) nicht berechtigt eine Mietwohnung in der Fuggerei zu bekommen. Doch die Stiftung hilft ganz konkret 150 Menschen und handelt beispielhaft. Die Idee und Umsetzung der Fuggerei könnte Inspiration und Vorbild für andere Hilfsorganisationen oder Institutionen sein, damit alle Menschen ihren Grundbedürfnissen entsprechend wohnen können.